1. DEZEMBER 2020 • ENDLICH VERLOBT!

Nazareth, in Frühling, kurz vor dem Pessachfest:

 

Was für eine Freude – ich bin überglücklich!!!!
Endlich ist es entschieden: Maria wird meine Frau! 

Gestern bin ich mit ihrem Vater Joachim handelseinig geworden – Gott sei Dank! 

 

Und Maria selbst? Sie hat mir schon lange gezeigt, dass sie mich mag, wenn wir uns am Brunnen treffen. Da holen wir das Wasser, das wir zuhause brauchen, und unsere Tiere bekommen dort zu trinken: Mein Esel Henoch, der das Werkzeug und all die schweren Sachen trägt, wenn ich hier in Nazareth und in der Umgebung unterwegs zur Arbeit bin, und die drei Ziegen von Marias Familie. Auch andere Mädchen kommen mit ihren Wasserkrügen und Tieren dort hin – aber Maria gefällt mir besonders: fünfzehn Jahre alt ist sie jetzt, also im richtigen Alter, um verheiratet zu werden. Sie ist fleißig und sieht, worauf es ankommt – das sagt auch Anna, ihre Mutter. So wünscht man sich das natürlich von seiner künftigen Ehefrau!

Aber besonders mag ich es, wenn Maria fröhlich lacht. Dann leuchten ihre Augen, und fast immer fällt dabei eine dunkelbraune Locke in ihre Stirn. 

 

Mit dreißig Jahren wird es für mich nun mal auch Zeit, eine Familie zu gründen. Schon vorigen Sommer hat mir mein Freund Simeon einen Dienst erwiesen: er hat für mich bei Joachim angefragt, ob er sich vorstellen könnte, mir Maria zur Frau zu geben. Und dann war es ein bisschen mühsam, ihn und Anna davon zu überzeugen, dass ich als Handwerker auch eine Familie ernähren kann. Tatsächlich war es gar nicht leicht für mich, als ich vor ein paar Jahren von Bethlehem hierher gezogen bin, auf der Suche nach Arbeit und Einkommen! Aber hier in der Gegend gibt es gerade viel zu tun. Reich werde ich davon wohl niemals werden, aber inzwischen reicht es wohl zum Leben, bald auch für eine Frau und für die Kinder, die uns Gott hoffentlich schenken wird. 

 

Nach dem letzten Winterregen, als bei Joachims Nachbarn das Dach ausgebessert werden musste, da hat er gesehen, dass ich gut und sorgfältig arbeite. 

„Und der Rabbi hat mir bestätigt, dass du ein gottesfürchtiger, anständiger Mann bist!“, hat Joachim mir gestern gesagt. 

Jaaaa, Marias Eltern wollten es ganz genau wissen! Na klar, schließlich geht es ja auch um ihre Tochter! 

 

Ich freue mich auch, wenn ich sehe, wie aufmerksam Maria in der Synagoge immer zuhört. Dann spielt sie oft mit dem Schmuck, den sie um den Hals trägt: eine große blaue Glasperle an einem Lederband. Und wie sie singt – mit klarer, kräftiger, fröhlicher Stimme!

Richtig aufregen kann sie sich, wenn sie etwas ungerecht findet! Ein paarmal habe ich schon mitbekommen, wie sie der Witwe Deborah und ihrer Tochter Lea zu essen gegeben hat. Seit Deborahs Mann gestorben ist, hat sie kaum noch ein Auskommen. „Wie die arme Frau von manchen Leuten hier rumgestoßen und schikaniert wird, das kann Gott nicht wollen!“, empörte sich Maria neulich am Brunnen. Und da hat sie ja Recht!

 

Anna (muss ich sie jetzt eigentlich „Schwiegermama“ nennen?) freut sich besonders, dass zu meinen Vorfahren unser hoch verehrter König David zählt. Na ja, das ist schon lange her: er war mein Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-urgroßvater, vor ungefähr tausend Jahren. Aber ich glaube, Anna ist stolz, dass auch ihre Enkel mal von David abstammen werden. 

Haben wir vielleicht nächstes Jahr um diese Zeit schon ein Kind? Ich stelle mir vor, es hat die gleichen dunklen Locken wie Maria. Und ihren Gerechtigkeitssinn natürlich! Auch ich möchte ihm gerne beibringen, auf Gott zu hören. Das ist gar nicht so einfach, denke ich manchmal. Liegt es an den Römern? Sie leben so ganz anders als wir. Handwerklich habe ich eine Menge von ihnen gelernt – bauen können sie wirklich, und auf den römischen Baustellen in Cäsarea und Sephoris gibt es gutes Geld zu verdienen. 

Wenn sie sich bloß nicht so herrisch aufspielen würden!!! Das nervt mich ganz gewaltig, und manche Leute hier in Galiläa schimpfen oft auf sie – ein paar würden am liebsten einen gewaltsamen Aufstand anzetteln! Aber das wäre lebensgefährlich: ein paar mal habe ich schon davon gehört, dass die Römer Aufrührer gekreuzigt haben – wer ist nur auf so eine grausame Idee gekommen???

 

Davon abgesehen, würde ein Aufstand mit Gewalt auch niemandem helfen, denke ich, wenn ich die alten Propheten lese. Die versprechen einen Messias, einen göttlichen Friedenskönig. Klingt toll – nur dass unser Volk nun schon seit Jahrhunderten auf den wartet! 

 

Na ja – ich bin wohl nicht derjenige, der Gott zu sagen hat, wann denn dieser Messias, bitteschön, mal zu kommen hat. Immerhin habe ich ja gerade was, wofür ich dankbar sein kann: Eine Zukunft mit Maria!

 

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