10. DEZEMBER 2020 • JOSEF DER TRÄUMER

Kana, Pessach

 

Tobias und Sulamith räumten eine Ecke in ihrem Haus frei, wo ich meine Schlafmatte ausrollen konnte. Für Henoch war im Stall kein Platz; er stand angebunden hinterm Haus, mit einem Sack Heu und einer Decke gegen die Kühle der Nacht. 

 

Müde war ich – nach dem Weg noch mehr als ohnehin schon nach den vielen Nächten voll schmerzhaftem Vermissen, voll bohrender Fragen und wirrer Traum-Fetzen. Vielleicht konnte ich ja heute Nacht mal wieder ruhig schlafen!

 

Doch als abends die Lichter gelöscht waren und sich Tobias und Sulamith mit Ethan in ihre Schlafkammer zurückgezogen hatten, lag ich wieder wach. Der fast noch volle Mond schien ins Haus … und Tobias schnarchte … sollte ich nach Kapernaum weiterziehen? … nun quengelte auch noch Ethan … Oder an die Küste, zur Römerstadt Caesarea … Wie gut, Freunde zu haben … sollte ich Tobias von Maria erzählen?

 

So richtig bequem war es nicht auf der Schlafmatte. Ich drehte mich auf die linke Seite.

 

Hätte ich mich von Anna und Joachim verabschieden sollen? … Leckere Kichererbsenklößchen hatte Sulamith heute zum Abendbrot gemacht … Wie konnte Marias alte Tante überhaupt ein Kind erwarten? … Manchmal möchte ich am liebsten … Hatte ich nicht doch irgendwas vergessen? … Bethlehem … Half Maria den Händlern, Sandalen zu verkaufen? Und Stoffe? Und Geschirr? 

 

Oder doch besser auf dem Rücken liegen?

 

Ganz sternklar ist es draußen … Gott, was hast Du vor mit mir? Oder doch mit uns beiden? … Hatten Marias und Elisabeths Kind was miteinander zu tun? … Linseneintopf – und Moment mal, irgendwas war da noch – was denn bloß? … Was raschelte denn da draußen? Wohl irgendein Tier … 

 

Ich drehte mich auf die rechte Seite …

 

Gabriel, der auf einem Esel ritt … Marias Lachen … „Wir sprechen uns noch!“ … Klatsch in Nazareth … „Ausgerechnet ich darf den Messias zur Welt bringen – wie wunderbar von Gott! Generationen werden sich mit mir freuen!“ Es klang wie Marias Stimme. Fast, als würde sie singen! 

Wie konnte sie bloß so fröhlich sein, wo doch ihr Leben gerade genau so durcheinander war wie meins! Und wo mir jeder Gedanke an sie weh tat? 

Nicht alle Worte verstand ich – irgendwas mit Barmherzigkeit … Gerechtigkeit … „Die Hungrigen bekommen reichlich, und die Reichen gehen leer aus“ – und wieder ein lautes Lachen: von Maria, von Gabriel und von einer alten Frau, die Maria in den Arm nahm …

 

„Du musst aber seeeehr müde gewesen sein!“ Das Lachen kam von Sulamith, die neben meinem Schlafplatz. „Guten Morgen, Josef – hast du gut geschlafen?“

Überrascht rieb ich mir die Augen – tatsächlich war es schon hell draußen! 

„Guten Morgen, Sulamith. Mir war gar nicht klar, wie fest ich geschlafen habe! Ziemlich verrückt geträumt habe ich!“

„Passt ja zu deinem Namen!“, fand sie. „Hoffentlich machen dir deine Träume nicht solchen Ärger wie dem anderen Josef aus unserer heiligen Schrift!“

„Den Ärger hätte er ja vermeiden können, wenn er seine größenwahnsinnigen Träume für sich behalten hätte …“

Ich stand auf. „Also tue ich das auch besser!“

Meine Idee, Maria endlich aus dem Kopf zu kriegen, war jedenfalls gründlich daneben gegangen! 

„Seehr diplomatisch!“, grinste Tobias, der aus dem Stall kam, wo er die Tiere gefüttert hatte.

„Deinem Esel habe ich auch schon was gegeben. Also was den Josef von damals angeht: Wäre ich einer von seinen großen Brüdern gewesen, hätte es mich auch furchtbar geärgert, wenn mir so ein hochnäsiger Grünschnabel von seinen Träumen erzählt hätte, in denen er der Allergrößte war!“

„Keine Sorge: in meinem Traum kamen weder Getreidegarben vor, die mir huldigten, noch Sonne, Mond und Sterne, die sich vor mir verneigten!“

Na ja – bloß meine Verlobte, die den Messias zur Welt bringen wollte …!

Ich rollte die Schlafmatte zusammen und rückte den Tisch zurecht, dass wir essen konnten. Ethan, der sich gestern bei meiner Ankunft zu seinen Eltern verkrochen hatte, war heute neugieriger: er kam zu mir gekrabbelt, als wir unseren Hirsebrei aßen und zog sich an meinen Beinen hoch. Ich nahm ihn auf den Schoß – und er lachte mich an!

 

„Letztlich hat er ja sogar Recht behalten mit seinen Träumen, der Josef“, überlegte Tobias: „Irgendwann haben sich die Brüder ja wirklich vor ihm verneigt – auch wenn es noch so verschlungene und leidvolle Wege waren, die dorthin geführt haben!“

„Als Junge war ich immer stolz, dass ich genau so hieß wie dieser kluge Josef – besonders natürlich, wenn mich meine großen Brüder geärgert haben! Dann dachte ich an Josef, den die Brüder loswerden wollten, und der es dann mit Gottes Hilfe geschafft hat, eine Hungersnot zu überstehen – weil er so gut Träume deuten und klug planen konnte!“ 

„Es ist doch schön, zu sehen, dass bei Gott nichts unmöglich ist!“ fand Sulamith.

Ich zuckte zusammen bei dem Satz – bei unserem letzten Treffen hatte Maria so was ähnliches erzählt …. 

„Kannst du denn auch so gut Träume deuten wie dein Namensvetter damals?“, fragte Tobias. 

„Schön wär’s!“, seufzte ich. „Im Moment kann ich es nicht – irgendwann vielleicht. Hoffentlich …“

„Das klingt aber ernst …“, fand Sulamith. 

„Na ja, ich will dich damit nicht behelligen …“, murmelte ich verlegen – und dann musste ich erstmal einen Angriff von Ethan abwehren, der an meinem Bart zog und fröhlich vor sich hin brabbelte.

„Lass den Onkel Josef in Ruhe, mein Sohn!“, tadelte Tobias scherzhaft. 

„Ach was – wir verstehen uns schon – oder, Ethan?“ Ich schaukelte ihn auf meinen Knien, und er quietschte vor Vergnügen. „Und bald bekommt ihr also wieder Nachwuchs?“

„Im Sommer, so Gott will.“ Sulamith strich sich über den runden Bauch. „Es strampelt schon ziemlich kräftig!“

„Bis das Kind kommt, möchte ich am Haus noch anbauen“, erzählte Tobias, „dort die Wand hinter dir will ich gerne versetzen, damit wir mehr Platz haben! Wie wär’s? Wenn du doch gerade Arbeit suchst: Hast du Zeit, nach dem Fest noch zu bleiben und mir dabei zu helfen?“

 

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