11. DEZEMBER 2020 • ZUM SEE

So gut mir die Gastfreundschaft von Tobias und Sulamith auch tat – an meinen Fragen und Sorgen änderte es wenig, dass ich hier war. Jedes Mal, wenn ich am Brunnen von Kana irgendein Mädchen mit braunen Locken sah, bekam ich Herzklopfen, und genauso bei jedem fröhlichen Lachen, das ich hörte! 

 

Wenigstens kannte mich hier niemand; ich musste mir keinen Tratsch und keine Sticheleien anhören. Doch weiter träumte ich jede Nacht irgendein wirres Durcheinander, in dem Maria vorkam, junge Pflanzen aus alten Wurzeln, ein schreiendes Baby – eben alles, was mich seit Wochen beschäftige! Manchmal geisterte auch Gabriel darin herum, aber nie konnte ich darin irgendeine Bedeutung erkennen.

Und dann war da noch irgendwas, woran ich mich erinnern wollte – wenn es mir doch bloß wieder einfiele!

 

Tagsüber arbeitete ich nach den Feiertagen mit Tobias in seinem Weinberg; dann begannen wir mit der neuen Wand. Abends nach der Arbeit nahm Tobias manchmal seine kleine Harfe und spielte – das konnte er gut. Wir sangen zusammen – und der kleine Ethan wedelte dabei fröhlich mit den Armen. Besonders freuten wir uns alle über seine ersten Schritte: Von Sulamith tapste er zu Tobias, dann zu mir …

„Du würdest einen guten Vater abgeben!“, fand Sulamith, und Tobias stimmte ihr zu.

Ja sicher, ich wollte ja auch gern Vater werden – aber ich wollte doch bitte auch verstehen, was mit Maria los war. Mit diesem angeblichen Gotteskind – und mit diesem Gabriel! Wenn er sich doch mal so zeigen würde, dass ich ihn direkt danach fragen könnte!

 

Eine Woche später

 

„Sag mal, Tobias“, traute ich mich irgendwann zu fragen, als wir zusammen Stein auf Stein schichteten: „Ist hier vielleicht vor ein paar Wochen mal jemand namens Gabriel vorbeigekommen? Ziemlich jung, weiß gekleidet?“

„Gabriel? Nie gehört. Und weiß gekleidet? So was tragen vielleicht vornehme Römer – aber wir hier in Kana mit unserer Arbeit jeden Tag – ich meine: schau uns doch an!“

Er zeigte auf sein gelblichbraunes und mein grünliches Hemd – verschwitzt, staubig und mit ein paar Flecken vom Mörtel. „Jemand in Weiß wär hier bestimmt aufgefallen! Wieso fragst du? Wer ist das?“

„Tja, das wüsste ich auch gerne …“

 

Es dauerte mehr als eine Woche, bis wir mit der Arbeit am Haus fertig waren. Nun bot es genug Platz für die größer werdende Familie. Für mich wurde es Zeit zu überlegen, wo ich als nächstes hinziehen wollte. Beim Essen berieten wir verschiedene Möglichkeiten: In Galiläa bleiben, Richtung See Genezareth? Oder in die andere Richtung, ans Meer, wo die Römer ihre Stadt Caesarea bauten? Beides bedeutete zwei bis drei Tagesreisen, beides kannte ich noch nicht.

 

„Mal ehrlich, Josef“, meinte Sulamith leise, als Tobias nach dem Essen die Tiere versorgte und ich mit ihr den Tisch abräumte und das Geschirr säuberte: „Ich glaube, egal wo du zum Arbeiten hin ziehst: deinen Liebeskummer wird es wohl nicht vertreiben …“

„Liebeskummer?“ fragte ich ein bisschen erschrocken nach: „Wie kommst du denn darauf, dass ich Liebeskummer hätte?“

Im Licht der Öllampe sah ich, wie sie lächelte.

„Ich kann zwar keine Träume deuten, Josef – aber ich kann erkennen, um welche Gesprächsthemen du dich am liebsten herum drückst! – Na, jetzt schau doch nicht gleich, als hätte ich dich bei was Verbotenem erwischt! Schließlich bist du weder Tobias noch mir Rechenschaft schuldig!“

„Na ja – es ist irgendwie furchtbar kompliziert. Und verwirrend …“

„Klar – wie so viele Liebesgeschichten!“ Sie stellte die Schüsseln ins Regal und nahm Ethan auf den Arm. „Aber ich glaube kaum, dass du auf irgendeiner Baustelle die Lösung finden wirst!“

„Sondern wo sonst?“

Sie zuckte die Achseln. „Mit uns drüber reden willst du anscheinend nicht. Gut, deine Entscheidung! Beten – machst du ja sowieso. Finde heraus, was du wirklich willst, Josef, das scheint mir am wichtigsten.“

„Und wenn Gott was anderes will? – Ach, ich ahne schon, was du jetzt sagst: Gott findet immer einen Weg, oder irgend so was!“

Und nun mussten wir beide lachen.

 

Ich entschied mich für den See Genezareth. Am nächsten Morgen brach ich auf. Zwei Tagesreisen lagen wohl vor dem schwer bepackten Henoch und mir.

Zum Abschied reichte Tobias mir einen langen Wanderstab. „So einen hast du noch nicht, oder? Ich finde, er erleichtert lange Wanderungen. Möge er dich gut begleiten, wo auch immer dich deine Wege hinführen!“

Wir dankten einander für die Gastfreundschaft und Hilfe und wünschten uns Glück und Segen für die Zukunft.

 

In der Nacht hatte es geregnet. Wiesen und Weinberge sahen saftig grün aus – der Weg durch die Berge war allerdings manchen Stellen matschig. Da war der Stab tatsächlich sehr hilfreich. Nun schien die Sonne wieder, und wir gingen, bis es mittags zu warm wurde. Im Schatten eines Granatapfelbaums rasteten wir. Sulamith hatte mir Brot, Früchte und Wasser mitgegeben, und Henoch freute sich über das frische Gras. 

Am Nachmittag führte der Weg vor allem bergab ins Tal. Noch grüner und fruchtbarer waren die Wiesen, Felder und Bäume hier – und dann lag die große blaue Fläche des Sees Genezareth unter uns!

 

O Gott, was hast du da Wunderbares erschaffen!, war mein erster Gedanke!

Eine Weile stand ich einfach da, dankbar für diesen herrlichen Anblick. Wenn ich diese Freude doch nur mit irgendwem teilen könnte!!!

Aber die römischen Soldaten, die vorbei ritten, hatten keinen Blick für diese Schönheit. Auch Henoch schnaubte nur und knabberte ein paar Blumen vom Boden.

Am Ufer sah ich ein Dorf liegen – das war mein Tagesziel für heute. Der Weg wand sich noch überraschend lang, bis ich ankam. Magdala hieß die Stadt. 

In einigen Häusern fragte ich um Herberge für die Nacht – bei einem Fischer und seiner Familie kam ich schließlich unter. Auch zu essen gab es frischen Fisch. Er schmeckte ganz anders als jeder Fisch, den ich bisher gegessen hatte – sehr gut!

 

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