12. DEZEMBER 2020 • FÜRCHTE DICH NICHT!

Magdala/Kapernaum

 

Die Nacht war unruhig – nicht nur wegen der üblichen Träume, sondern auch weil es windig geworden war! Ungewohnte Geräusche waren das: Die Wellen am Ufer, das Knarren der Boote, die Rufe der Fischer, die nachts auf den See hinaus fuhren.

 

„Konntet ihr denn wirklich fischen bei dem Wind heute Nacht?“, fragte ich am Morgen.

„Du hast wohl noch nie einen echten Sturm hier am See erlebt!“, lachte mein Gastgeber: „Da kann einem Angst und bange werden, wenn die Wellen das Boot hin und her werfen – auch ich hab da schon mal um mein Leben gebangt und Gott im Hilfe gerufen! Und ich kenne manchen gestandenen Kerl, dem es ähnlich geht. Aber heute Nacht – das war doch gar nichts!“

 

Mein Weg führte heute am Seeufer lang. Hier waren viele Menschen unterwegs. In einem Dorf hatte sich eine Menge um jemanden geschart, der unter einer mächtigen Dattelpalme auf einem Stein stand und predigte: „In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn für unseren Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden!
Ihr kennt die Worte des Propheten, nicht wahr? Bald ist es so weit – er kommt! Bereitet alles vor, um ihn zu empfangen!“

Nicht alle Zuhörer sahen aus, als nähmen sie ihn ernst. 

Tat ich es? Falls dieser Prediger nur ein Spinner war – was war ich denn dann? Oder Maria erst?

 

Als ich mich Kapernaum näherte, sah ich von weitem das weiße, halbfertige Haus am Seeufer – offenbar nach römischem Geschmack geplant. Da wollte jemand wohl deutlich seine Macht und sein Geld zeigen! Ich fand eine Herberge und fragte den Wirt, ob beim Bau Arbeiter gebraucht würden. 

Er nickte. „Ja, die brauchen Leute. Und sie zahlen nicht schlecht. Ziemlich protzig, der Kasten, wenn du mich fragst: Wasserleitung, Mosaike auf dem Fußboden, all so was! Na ja, Römer halt …“

 

Am nächsten Morgen meldete ich mich auf der Baustelle. Mit dem Aufseher vereinbarte ich, am Dachstuhl mitzuarbeiten – erst mal für eine Woche. Er trug meinen Namen in eine Liste ein. Die Römer lieben ja Schriftliches und Listen!

 

Es war gar nicht leicht auf dem Bau. Nicht so sehr wegen der schweren Holzbalken und der Kletterei auf dem Baugerüst – aber da hier Menschen aus vielen Ländern mit vielen Sprachen arbeiteten, ging es oft zu wie damals beim Turmbau in Babel: Aramäische und lateinische, griechische und phönizische Sprachfetzen schallten über die Baustelle. Da war es manchmal schwierig herauszufinden, ob ein Satz nun „gib mir mal den Hammer“ hieß – oder „Vorsicht, stoß deinen Kopf nicht an dem Balken!“

Das Gebrüll des Aufsehers machte es auch nicht besser …

Außerdem roch es ständig nach gebratenem Schweinefleisch! Die Arbeiter aus anderen Völkern mochten diese Verpflegung; mir als Jude wurde übel davon. Mal sehen, wie weit es in einer Woche mit dem Dachstuhl war – danach suchte ich mir wohl besser eine andere Arbeit.

 

Als der Sabbat kam, suchte ich in der Herberge saubere Kleider heraus, um zur Synagoge zu gehen. Irgendwo musste doch auch noch ein sauberes Lendentuch sein! Ich tastete tief in dem großen Beutel – da stießen meine Finger auf etwas Kleines, Hartes, Rundes. Als ich es bevor zog, bemerkte ich, dass es an einer Schnur hing – und mein Herz machte einen Satz: Tatsächlich – zum Vorschein kam die blaue Glasperle, die mir Anna als Gruß von Maria mitgegeben hatte!

Das war es, was ich so lange vergessen hatte!!! 

Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich sie eingepackt hatte – nun war ich ungeheuer froh, dass sie irgendwie den Weg in mein Gepäck gefunden hatte!

 

Ich zog mich um, hängte mir die Perle um den Hals und ging in die Synagoge. Der Rabbi las aus dem Buch des Propheten Jesaja: 

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids. 

 

War in den Synagogen eigentlich schon immer so oft die Rede von einem Kind gewesen, das der Messias sein sollte? War es mir früher nur nicht so sehr aufgefallen? Von Jubel und Freude predigte der Rabbi, vom Ende von Angst und Krieg. 

Wie konnte all das Wunderbare, von dem der Prophet sprach, mit einem kleinen Kind in die Welt kommen??? Womöglich mit Marias Kind? 

Mit der blauen Perle um den Hals tat es längst nicht mehr so weh, an Maria und das Kind zu denken. „Ich brauche dich. Und unser Sohn auch“ – hatte sie gesagt. 

Wir brauchen den Messias – und auch er kommt nicht ohne uns aus – ergibt es so vielleicht Sinn?

 

Die Gedanken begleiteten mich bis in die Herberge. Vor dem Schlafengehen betrachtete ich vom Seeufer aus eine Zeit lang den Sternenhimmel. Auch der Mond war schon wieder weit mehr als eine Sichel am Himmel. Und der, der all das geschaffen hatte, wollte seinen Sohn als Kind schicken – was für eine unglaubliche Idee von Gott!!! 

Voller Staunen und Dankbarkeit legte ich mich schlafen.

 

„Fürchte dich nicht, Josef, Sohn Davids!“

Die Stimme kannte ich … Und das weiße Gewand auch! 

„Ich habe ja gesagt, wir sprechen uns noch.“ Diesmal verschwand Gabriel nicht aus dem Traum.

„Ich hab so viele Fragen!“, rief ich.

„Natürlich. Aber inzwischen kennst du doch selbst die Antworten, oder? Nimm Maria zur Frau – so es geplant war. Durch Gottes heiligen Geist ist sie schwanger – der Sohn soll Jesus heißen.“

„Das hast du Maria schon gesagt. Hat sie mir jedenfalls erzählt.“

„Stimmt, aber wolltest es nicht unbedingt mit eigenen Ohren hören? Also: jetzt erfüllt sich, was der Prophet Jesaja gesagt hat: „Eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn zur Welt bringen, den wird sie Immanuel nennen.

„Moment mal – Jesus oder Immanuel?“

„Das bedeutet doch beides das gleiche, nämlich ‚Gott hilft‘. Aber euer Kind heißt Jesus!“. 

Er winkte, als wollte er sich verabschieden.

„Kannst du mir sagen, wann Maria wiederkommt?“

Doch Gabriel lächelte nur. Und sein Traumbild verblasste.

 

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