13. DEZEMBER 2020 • OBEN UND UNTEN

Noch niemals, so schien es mir, hatte ich einen schöneren Sonnenaufgang gesehen als an diesem Sabbatmorgen über dem See! Rosa und orange leuchteten die Wölkchen am Himmel – im Wasser spiegelte sich alles. Ganz ruhig war es heute – keine lauten Rufe der Fischer, die ihre vollen Netze von den Booten wuchteten! Ich sprach ein dankbares Morgengebet und genoss das goldene Sonnenlicht.

 

An den nächsten beiden Tagen ging es ging es gut voran mit der Arbeit am Dachstuhl – er würde wohl fertig, bis die vereinbarte Woche herum war. Vom Gerüst aus sah ich, wie andere Arbeiter schon stapelweise Tonziegel anschleppten und aufstapelten, um das Dach zu decken. Das waren Sklaven in der nahegelegenen Ziegelei, hatte ich gehört.

 

„He, du da oben – du bist zum Arbeiten hier, nicht zum Glotzen!!!“ Von hier oben sah der Aufseher eigentlich ziemlich klein aus – genau so wie die beiden Soldaten, die gerade hoch zu Ross vorbei ritten.

 

Am Ende der vereinbarten Woche ließ ich mir den Lohn für meine Arbeit auszahlen. Immerhin bekam ich welchen – anders als die Sklaven auf dem Bau! Ob der Erlöser wohl auch Sklaven befreite?

 

Noch eine Nacht blieb ich in der Herberge, dann packte ich meine Sachen. In drei Tagen könnte ich wieder in Nazareth sein – schließlich gab es viel zu tun! Doch bevor ich aufbrach, machte ich noch einen Einkauf: Bei einer Weberin hier in Kapernaum hatte ich ein herrliches großes Tuch gesehen: blau wie der See, aus weicher Lammwolle, am Rand mit weißen Sternen bestickt. Das sollte mein Hochzeitsgeschenk für Maria sein!

 

Wieder übernachtete ich in Magdala. Am nächsten Morgen ging es vom See wieder hinauf in die Berge. Ganz schön heiß war es jetzt – dabei war es noch lange nicht Sommer! Ich war froh über den Wanderstab, den mir Tobias geschenkt hatte, und Henoch tastete oft vorsichtig, wo er seine Füße hinsetzen konnte. Kam uns jemand entgegen, vielleicht auch mit einem Esel oder gar mit einem Kamel, dann wurde es eng.

Macht dem Herrn eine ebene Bahn!“ – diese alten Prophetenworte hatte der Prediger neulich gerufen. Bestimmt kannte schon der Prophet damals solche Kraxelwege wie diesen: oft steil und steinig, manchmal von Wurzeln alter Bäume durchzogen. Die Täler auffüllen, die Berge einebnen – das klang nach einer überwältigenden Aufgabe! Aber jemand mit göttlicher Kraft – der schaffte es doch wohl auch so, überall durchzukommen!

Und doch war da dieser Aufruf, alle Hindernisse wegzuräumen, die Gott im Weg standen … 

„Aus dem Weg!!!“ das hatte ich auch von einem römischen Offizier in Kapernaum gehört – mit Brüll-Stimme von seinem hohen Ross herunter. Aber so war doch der Messias nicht – der sollte doch auf einem Esel reiten und ein Helfer der Menschen sein! Also ging es bei diesem Berg-und-Tal-Spruch vielleicht um hoch stehende und erniedrigte Menschen? Sollte der Römer von seinem hohen Ross herunterkommen? Und die Sklaven, die von der Last der Dachziegelpakete gebeugt waren, sich aufrichten? 

Und welche Hindernisse hatte ich selbst vielleicht gerade wegzuräumen? Das größte waren meine Zweifel und mein Misstrauen gewesen – sie loszuwerden, hatte mir Gabriel geholfen. Aber es gab noch genug vorzubereiten, damit unser Sohn ankommen konnte. Heiliger Geist hin oder her: dass er ein ordentliches Zuhause hatte und Eltern, die sich um ihn kümmerten – das war ja wohl auch meine Aufgabe! 

 

Vor mir sah ich ein Dorf liegen. Tatsächlich – das war schon Kana! Beim Haus von Tobias kam Ethan mir fröhlich entgegen gelaufen.

„Schalom Josef, Da bist du ja wieder!“ Sulamith hängte gerade Wäsche auf. „Wie geht’s dir? Wie war’s am See?“

„Danke, gut geht’s mir! Es war herrlich, den See kennen zu lernen. Aber jetzt wird es Zeit, nach Hause zu kommen! Kann ich heute noch mal bei euch übernachten?“

„Aber gerne! Tobias müsste auch gleich vom Weinberg kommen!“ Sie stemmte die Hände ins Kreuz; das Bücken und Strecken mit wachsendem Bauch strengte sie sichtlich an. Dann musterte sie mich: „Du siehst zufrieden aus – viel zufriedener als neulich! Dann hast du also doch eine Antwort auf deine Fragen gefunden?“

Ich half ihr mit ein paar großen Tüchern. „Noch nicht auf alle. Aber ja: Das Wichtigste ist jetzt klar für mich. Und jetzt wirst du lachen: Erfahren habe ich es – im Traum!“

 

Wir verbrachten einen gemütlichen Abend miteinander. Am nächsten Morgen brach ich zeitig auf, bevor die Sonne zu heiß wurde. Das Korn auf den Feldern war inzwischen hoch gewachsen – lange dauerte es nicht mehr bis zur ersten Ernte! An den Hängen kletterten ein paar Schafe aus den großen Herden zwischen Felsen und Gebüsch herum – was es wohl den Hirten für Mühe machte, ihre ganze Herde zusammenzuhalten …!

Hastig ging ich an der Wegbiegung vorbei, an der die Kreuze zu sehen waren. 

 

Kurz vor Nazareth kam ich an Aarons Olivenhain vorbei. Aus dem Stumpf des alten, gefällten Baums sprossen neue Triebe.

Und nun war Henoch nicht mehr zu halten und trabte los. Sein lautes „Iiii-Aaaaaah“ lockte Joel aus dem Haus. 

„Na so was – Schalom Josef! Schön, dich wieder zu sehen! Hast du viel erlebt?“

Um mein Haus herum war Gras gewachsen, und ein paar Kräuter. Die knabberte Henoch gleich weg, nachdem ich ihn vom Gepäck erleichtert hatte.

Und im Holzstapel hörte ich ein ganz leises Piepsen. Da hatte ein Sperling sein Nest gebaut und fütterte seine Jungen!

Im Haus musste ich ein paar Spinnweben wegwischen, dann packte ich meine Sachen aus. Ein bisschen ausruhen täte jetzt gut … 

 

„Hab ich das richtig gehört, mein Freund – du bist wieder da?“, rief jemand an der Tür. Wie schön, Simeons Stimme zu hören!

Und er war nicht allein: neben ihm standen Deborah und die kleine Lea.

 

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