14. DEZEMBER 2020 • SOMMER DER ERWARTUNG

Wir begrüßten uns herzlich, die Fragen schwirrten durcheinander – bis Deborah fragte: „Vorräte hast du bestimmt gerade keine im Haus, richtig? – Bitte schön!“ 

Sie reichte mir zwei Fladenbrote und einen Krug Ziegenmilch. 

„Äääähm, danke – aber …“

Nun fiel mir auf, dass sie nicht mehr den abgewetzten, geflickten Umhang trug, den ich kannte, und Lea auch nicht. Beide trugen neue Kleider. Und sie sahen auch nicht mehr so ausgezehrt aus wir vor einem Monat, als ich weg gegangen war.

„Nimm es ruhig“, ermunterte mich Simeon, „wir haben genug!“

Verdutzt schaute ich ihn an, dann Deborah und Lea, wieder Deborah und Simeon.

„Wie jetzt: Ihr??? Soll das etwa heißen, ihr beide …?“

Sie nickten; Simeon legte den Arm um Deborah und nahm Lea an der Hand. „Eigentlich ging’s damit los, dass du Deborahs Brot mit mir geteilt hast“, erzählte Simeon, „an dem Tag, als die Händler hier waren, weißt du?“

Na klar – wie könnte ich diesen Tag vergessen? Den Tag, als Maria verschwand!

„Da habe ich gedacht – eine Frau, die so gut bäckt – na ja: die möchte ich gern genauer kennen lernen …“

„Und dazu wäre es ja niemals gekommen, hättest du uns nicht das Brennholz geschenkt!“, erinnerte sich Deborah.

Das hätte ich nie gedacht!

„Na ja: dass du ungerecht behandelt wirst und Hilfe brauchst – da hat mich eigentlich Maria drauf gebracht! Habt ihr in der Zwischenzeit vielleicht irgendwas von ihr gehört?“

„Leider nicht“, Simeon schüttelte den Kopf. „Ihre Eltern sagen auch wenig.“

Deborah widersprach ihm: „Also, mir hat Anna gesagt, sie weiß, dass Maria zur rechten Zeit wieder hier sein wird. Und das glaube ich auch!“

„Ich besuche sie am besten noch heute. Ich muss ja sowieso noch zum Brunnen. Ach so – und natürlich: Massel Tov für euch!“

 

„Josef – gut, dass du kommst!“ „Wo hast du denn gesteckt?“ „Du hast uns hier gefehlt!“

Das alles hörte ich, als ich zum Brunnen kam.

„Schalom Nathanael! Und Jakob! Und Benjamin! Was gibt’s denn so Dringendes?“

„Na ja, es sieht nach einer guten Ernte aus, und ich brauche eigentlich ein neues Lagerhaus fürs Korn – kannst du mir so was bauen?“

„Außerdem braucht Aaron Hilfe bei seiner neuen Ölpresse!“

„Und der Rabbi will ein paar Hocker für die Synagoge …“

Also – dass es viel zu tun gäbe, hatte ich ja geahnt …

„Aaaach – und übrigens …“ Benjamin der Steuereinnehmer räusperte sich: „Deine Steuern für den letzten Monat bekomme ich auch noch!“

 

Henoch bekam zu trinken, und ich füllte meinen großen Wasserkrug. Dann ging ich zum Haus von Joachim und Anna. Sie molk gerade die Ziegen. Zwei Zicklein waren dazugekommen. 

„Na sieh mal an – da ist ja der Josef wieder! Wo warst du denn???“

„In Kana und Kapernaum. Ich könnte jetzt sagen: ich habe da gearbeitet – habe ich auch – aber ehrlich gesagt …“

Anna lächelte. „Ehrlich gesagt hast du es nicht mehr hier ausgehalten – ich weiß! Manchmal wäre ich auch am liebsten weggelaufen vor den schrägen Blicken und dem ganzen Tratsch. Inzwischen reden alle über Simeon und Deborah, und ob der Sohn von Benjamin vielleicht ein Auge auf Dina geworfen hat …“

Ich musste lachen. „… und über Aarons Ölpresse und Jakobs Getreidelager. Aber, liebe Anna, was mich am meisten interessiert: Habt ihr irgendwas von Maria gehört?“

„Na ja …“, sie kraulte ein Zicklein unterm Kinn: „wir beten viel, und dabei spüren wir, dass es ihr gut geht. Und ich glaube, du brauchst dir auch keine Sorgen zu machen!“

„Ja, das ist mir unterwegs auch klar geworden. Aber wann sie wiederkommt – das wüsste ich schon gern!“

„Ich denke, das kann noch eine Weile dauern. Vielleicht bis Elisabeths Kind geboren ist.“

„Wie bitte? Und wann ist das? In ein paar Wochen? Oder dauert es noch länger???“

Anna stand auf und nahm den Eimer mit der frischen Milch. „Lieber Josef – es kann sein, dass du noch Geduld brauchst. Aber sie kommt – ganz bestimmt!“

„Nutz die Zeit bis dahin!“, hörte ich Joachims Stimme. Er kam gerade vom Feld. „Du kannst an deinem Haus schon mal einen Ziegenstall bauen, denn eine von unseren Ziegen mit ihrem Jungen soll für euch sein. Und ein paar Hühner bekommt ihr auch, wenn ihr heiratet!“

 

Sommer

 

Beim Warten half es, dass ich reichlich tun hatte. Jakobs Lagerhaus war als erstes dran, denn die Ernte stand kurz bevor. Bald standen die Garben auf den Feldern und ein neues Lagerhaus neben Jakobs Hof.

Wenn nach der Arbeit des Tages noch etwas Tageslicht übrig war, zimmerte ich nach und nach die Hocker für die Synagoge. 

 

Und ich wartete. Manchmal träumte ich von Maria. Das war schön – aber beim Aufwachen vermisste ich sie um so mehr. Gabriel tauchte nicht mehr auf.

 

Es wurde heißer. Bei der Arbeit an Aarons Ölpresse mussten wir oft Pause im Schatten der Bäume machen. Der Spross aus dem alten Baumstumpf war kräftig gewachsen.

„Und was ist nun mit deinem Sprössling?“, fragte Aaron grinsend. „Wird das noch was? Deine Auserwählte lässt ja anscheinend auf sich warten …“

„Ich weiß, sie kommt“, erklärte ich und tastete nach der blauen Perle an meinem Hals.

„Haha, du glaubst wohl auch, dass demnächst der Messias erscheint!“, amüsierte sich Ephraim, der mit uns arbeitete. 

„Und du willst sie immer noch heiraten???“ Aaron fand den Gedanken offenbar ziemlich abwegig.

Ja, das wollte ich! Aber auch für mich wurde das Warten zur Geduldsprobe. Wie lange würde die Kraft aus dem Traum mit Gabriel noch reichen?

 

Die er längste Tag des Jahres kam – und ging. Der neue Stall für Ziegen und Hühner war auch fertig. Die meisten in Nazareth blieben an diesen heißen Tagen in ihren Häusern, wenn es ging. Oft kamen Simeon, Deborah und Lea zu mir zum Essen, oder wir trafen uns bei Simeon.

  

An einem dieser heißen Tage saß ich im Haus und schnitzte eine Essschale aus Olivenholz. Fünf Stück hatte ich in letzter Zeit schon fertig bekommen. 

„Iiii-aaah – iiii-aaaaah – iiii-aaaaaah – iiiii-aaaaaaah – IIIIIII-AAAAAAAAAAH!!!!

Was war denn da draußen los? 

„Mein allerliebster Josef!“, hörte ich von der Tür: „wie schön, endlich wieder hier bei dir zu sein!!!“

„MARIA!!! – ich hab ich sooooo vermisst!!!!!!!“

Und dann lagen wir uns in den Armen …

 

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