16. DEZEMBER 2020 • HOCHZEIT

Sofort erzählten wir allen von dem Hochzeitsfest, das wir beim nächsten Vollmond feiern wollten. Schon lange hatte Joachim ein Kalb mästen lassen – das war inzwischen ganz schön groß geworden, reichte also für viele Gäste! Simeon und Deborah halfen uns, alle einzuladen. Ich nahm mir sogar einen Tag Zeit, nach Kana zu gehen und Tobias einzuladen – mit seiner Harfe könnte er für Musik sorgen!

 

„Massel tov, mein Freund – alles Gute für euch!“, rief er, „nur versteh bitte: Unser Töchterchen Naomi ist gerade zwei Wochen alt – ich möchte Sulamith jetzt nicht gern allein lassen!“ 

Sulamith stillte gerade die Kleine, und Ethan war ganz stolz: „Bebi! Bebi!“

Von dem Kind hatte ich ja gewusst – dennoch war ich trotz aller Glückwünsche enttäuscht, als ich zurück nach Nazareth ging. 

Nach Wochen der Hitze waren die Wiesen jetzt gelblichbraun.

 

Ich ging zu Tamar, der Weberin, um ein neues Gewand zu kaufen. „Ach, wird das jetzt doch noch was mit dieser Hochzeit?“, fragte sie. „Na ja, wenn ich die Maria so anschaue, wird es wohl auch höchste Zeit, haha! Pass bloß auf, dass sie nicht wieder abhaut!“

Wäre Tamar nicht die einzige Weberin in Nazareth gewesen, hätte ich ihr Haus auf der Stelle wieder verlassen! Immerhin: in dem Umhang mit olivgrünen Streifen konnte ich mich als Bräutigam sehen lassen, fand ich!

 

„Habakuk muss zum Vollmond leider nach Magdala, seinen alten Vater zu besuchen“.

„Judith und Sarah wollen jetzt doch keine Brautjungfern sein …“

Also, wenn das so weiterging, würde es eine ziemlich kleine Hochzeit …

„Mama, darf ich Blumen streuen für Maria und Josef?“, fragte Lea.

Bisher kannte ich sie als äußerst schüchtern – aber gut, warum nicht?

 

Annas Vorratskammer füllte sich mit leckeren Vorräten. Auch Maria und Deborah waren mit Kochen und Einlegen und Backen beschäftigt. In Haus und Hof wurde gefegt und geschrubbt und alles schön gemacht.

 

„Susanna hat sich den Fuß verstaucht, sie kann leider nicht mit feiern …“

„Jakob muss zum nächsten Vollmond seinem Schwager in Kapernaum im Weinberg helfen, seine Frau begleitet ihn!“

„Nathanael muss dringend nach Sephoris, weil er in der Nähe gerade Land gekauft hat …“

Jedes Mal, wenn wir Simeon trafen, fürchteten wir inzwischen eine neue Absage – und oft kam es auch so: Arbeit, Verwandtschaft, plötzliche Zwischenfälle – schon erstaunlich, was die Leute alles davon abhielt, mit uns zu feiern!

 

„Machen wir uns nichts vor!“, sagte Joachim drei Tage vor dem Vollmond: „Wir müssen umplanen – Es ist traurig, dass so viele euch kein Glück zur Hochzeit wünschen wollen, aber …“

„… aber bestimmt wisst ihr gar nicht, wie viele Leute es in Nazareth gibt, die gerne ein großes Fest mit euch feiern würden!“, unterbrach ihn Deborah. „Wahrscheinlich kennt ihr sie nicht oder habt noch nie auf sie geachtet. Aber ich habe lange genug unter den ganz Armen von Nazareth gelebt, um viele von ihnen zu kennen!“

„Du meinst, wir sollten die alle einladen???“, fragte Anna.

„Das müsst ihr entscheiden, Maria und Josef. Ja klar: es sind Lahme, Blinde, Gebrechliche, Arme darunter. Aber genauso sehr sind sie eben auch musikalisch, humorvoll, klug, liebevoll, was weiß ich …! Also was ich sagen will: mit ihnen kann es ganz sicher ein schönes Fest werden!“

„Na ja – so wie geplant läuft unsere Hochzeit ja anscheinend sowieso nicht“, überlegte ich, „da können wir auch genauso gut einen neuen Plan machen!“

„Dann haben die Leute hier in Nazareth schon wieder was, worüber sie sich die Mäuler zerreißen werden“, vermutete Anna, „aber das tun sie ja ohnehin schon …!“

„So machen wir es!“ Wie Maria das sagte, klang es nach ‚Los, nicht mehr viel reden!‘ 

„Die Idee passt zu dir“, fand ich, „zu dem, was du neulich über dein Lied von Gottes Gerechtigkeit erzählt hast! Also, dann passt sie auch zu uns – egal wie die Leute das finden!“

Gespannt war ich allerdings doch, wen Deborah in den entlegenen, versteckten Ecken von Nazareth alles auftreiben würde … 

 

Am Hochzeitsmorgen wusch ich mich sorgsam und zog das neue Gewand an. Simeon und Joel kamen, auch sie in ihren schönsten Gewändern, und wünschten mir viel Glück und Segen.

Zu dritt zogen wir los. Erstaunlich leer wirkte die Stadt – oder nein: hier und da lugte jemand neugierig aus einem Türspalt!

Dann hörten wir Jubelrufe: „DA IST ER! DER BRÄUTIGAM KOMMT!!!“

Eine Gruppe von Brautjungfern kam uns mit Lichtern und Blumen entgegen. Joels Tochter Salome war darunter, ein Mädchen, das hinkte, eins mit einer großen Narbe im Gesicht, ein paar andere in ärmlichen Kleidern – und eine sah fröhlicher aus als die andere! 

Voran lief Lea, die reichlich mit Blumen um sich warf.

 

Sie führten uns zum Haus und in den Hof. Es duftete nach Kalbsbraten. Ein großes Sonnensegel war gespannt, überall hingen Blumengirlanden – und der Hof war voll mit Leuten, die uns fröhlich begrüßten, Glück und Segen wünschten.

Maria trug einen Blumenkranz und ein neues, rotes Kleid. Wunderschön sah sie aus – erst recht mit dem blauen Tuch aus Kapernaum, das ich ihr schenkte! Wir waren überglücklich, als der Rabbi für uns betete – und als Maria und ich uns küssten und umarmten.

Endlich war sie meine Frau!

 

Die Gäste hatten sich so fein gemacht, wie sie konnten. Miteinander genossen wir das reichliche, köstliche Essen, den guten Wein und das schöne Fest, und alle waren bestens gelaunt. 

„Gute Idee, meine Liebste!“, sagte Simeon zu Deborah. Sie strahlte – und in diesem Moment sahen auch die beiden aus wie Braut und Bräutigam.

 

Ein blindes Mädchen fing an zu singen, Maria war sofort dabei – natürlich mit ihrem Lied über Gottes Größe und Gerechtigkeit -, und immer mehr Stimmen fielen ein. Andere hatten Trommeln und Flöten mitgebracht – und dann hörte ich von irgendwo eine Harfe! Am Eingang zum Hof stand Tobias.

„Schalom Josef, mein Freund – Glück und Segen! Das ist deine Braut? Schön, dich kennen zu lernen – ich bin Tobias aus Kana! Wisst ihr, Sulamith fand, ich könnte eure Einladung doch nicht einfach ausschlagen! Jetzt kümmert sich eine liebe Nachbarin um sie und die Kinder!“

 

Spät in der Nacht, als der Mond hell leuchtete und viele Sterne funkelten, flüsterte Maria mir ins Ohr: „Gerade habe ich gespürt, wie sich unser Sohn im Bauch bewegt. Und ich finde, von diesem wunderbaren Hochzeitsfest müssen wir ihm unbedingt später erzählen!“

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.