2. DEZEMBER 2020 • HOCHZEITS-VORFREUDE

Sieht so aus, als hätte sich unsere Verlobung schon rumgesprochen hier in Nazareth. Wie hier getratscht wird – das ist mir bisher noch nie so aufgefallen. Irgendwann habe ich aufgehört mitzuzählen, wie oft mir die Leute heute „Massel Tov*!“ zugerufen haben. 

 

Heute hatte ich viele kleinere Sachen zu tun: Bei Nathanael im Haus gab es eine Feuerstelle auszubessern, Habakuk brauchte eine neue Tür an seinem Ziegenstall. Außerdem habe ich gehört, dass der alte Aaron einen Olivenbaum fällen will. Morgen helfe ich ihm dabei – dafür bekomme ich das Holz. Daraus kann ich dann Einrichtung und Hausrat machen: da brauchen wir ja so manches, wenn wir eine Familie gründen – und verkaufen lässt sich bestimmt auch was!

Außerdem habe ich noch mit Jonathan besprochen, dass er zum Pessachfest nächste Woche eins seiner Lämmer für uns schlachtet. Joel, mein Nachbar, hat Simeon und mich eingeladen, den Seder-Abend zum Festbeginn bei ihm und seiner Familie zu feiern.

 

Die Sonne stand schon tief, als ich mit meinem Esel Henoch zum Brunnen kam. Die Händler, die hier tagsüber ihr Brot, Gemüse, Früchte, Eier, ihre Töpfe und Schüsseln angeboten hatten, packten ihre Waren zusammen. Ein paar Mädchen hatten sich am Brunnen versammelt: Susanna mit den langen baumelnden Ohrringen, die pummelige Judith, Dina, deren Lachen für mich klang wie eine meckernde Ziege – und MARIA! 

“Na siiiiieh mal an – der Herr Bräutigam!“, rief Susanna mit theatralischer Geste. 

„Tja – dann wollen wir mal nicht länger stören!“, grinste Judith und wuchtete ihren Wasserkrug hoch. 

„Schöööönen Abend noch …!“ Das Lachen von Dina vermischte sich mit dem ihrer Ziegen.

 

„Schön, dich zu sehen, lieber Josef!“ Die Abendsonne zauberte einen goldenen Schimmer auf Marias Gesicht und ließ die blaue Glasperle an ihrem Hals leuchten.

„Wann ist es denn nun so weit?“, wollte sie wissen: „Wann feiern wir unsere Hochzeit?“

„Für die Vorbereitung brauchen wir ja noch Zeit; und ich hoffe, ich kann noch ein bisschen Geld verdienen, damit es ein richtig schönes Fest wird. Aber vor der großen Sommerhitze sollte es schon sein, findest du nicht? So habe ich es auch mit deinem Vater besprochen.“

„Wenn viele Blumen blühen, das wäre schön!“ Ihre Augen blitzten; und ich stellte mir vor, wie sie wohl als geschmückte Braut aussah: mit einem Kranz aus lauter Rosen über dem Brautschleier, unter dem eine braune Haarlocke hervorlugte …

Ich konnte den Rosenduft förmlich riechen …

„Natürlich, meine Allerliebste – viele duftende Blumen gehören dazu! Und wir müssen überlegen, wen wir einladen wollen …“

„Kommt auch jemand von deiner Familie?“, fragte sie und versuchte der stärksten Ziege klarzumachen, dass sie die anderen auch mal trinken lassen sollte. „Bethlehem ist ganz schön weit weg, oder?“

„Ja leider, mehrere Tagesreisen. Und du weißt ja: meine Eltern leben gar nicht mehr. Vielleicht finde ich ja einen Boten, der in die Richtung unterwegs ist und meinen Brüdern die Nachricht bringen kann. Aber ob sie tatsächlich den langen Weg auf sich nehmen …?“

Das war ein Gedanke, der mich ein bisschen traurig machte. Lange hatte ich meine Verwandten nicht mehr gesehen. Ich hatte gehört, die Brüder hätten inzwischen Kinder – die hatte ich noch nie zu Gesicht bekommen. 

Auch Maria sah betrübt aus, und das wollte ich nicht. 

„Meine Freunde hier in Nazareth lade ich natürlich alle ein“, schob ich schnell nach.

„Das ist gut; Papa überlegt schon, wo er ein gemästetes Kalb her bekommt … Und Mama will nach dem Fest mal mit mir zu Tamar, der Weberin, drüben im Haus mit der großen Zeder. Die webt wunderschöne Stoffe; da wollen wir mal schauen, was sie Schönes für ein Festkleid anzubieten hat!“

„Nach Pessach sollten wir anfangen mit den Vorbereitungen, genau! Und nächstes Jahr feiern wir Pessach zusammen!“ 

Maria nickte. „Ich möchte Susanna und Sarah fragen, ob sie Brautjungfern sein wollen. Vielleicht auch Dina. Oder Judith … Und bei allen Vorbereitungen kann bestimmt auch Deborah mitarbeiten, dann kommt sie vielleicht eine Zeit lang ohne Betteln über die Runden!“

Was sie wieder alles bedachte! Dafür liebte ich sie.

 

Die Ziegen hatten ihren Durst gestillt, und Maria ließ nun den Eimer an einem Seil in den Brunnen hinunter.

„Oh, Josef, weißt du eigentlich, wie ich mich freue? Auf das Hochzeitsfest, und auf das Leben mit dir?“

Am liebsten hätte ich sie umarmt und geküsst – aber das musste bis zur Hochzeit warten! 

„Wenn du dich genau so sehr freust wie ich, dann wird es wunderbar. Gestern wäre ich am liebsten jubelnd durch die Stadt gelaufen!“

Maria musste lachen, und Henoch auch. Sie kraulte ihn zwischen den langen Ohren. „Und du freust dich auch, oder? Na, ich bin sicher, wir werden uns gut verstehen!“

„IIII-AAAAH!“

Ich half ihr, den vollen Eimer hochzuziehen und das Wasser in den großen Tonkrug zu füllen. Wir verabschiedeten uns, und ich schaute ihr nach, wie sie mit dem schweren Krug auf der Schulter und den drei Ziegen im Schlepptau zum Haus ihrer Eltern ging. Was für eine Kraft in diesem schlanken Mädchen steckte!

 

Dann spürte ich, wie mir jemand von hinten auf die Schulter tippte: mein Freund Simeon, neben ihm Nachbar Joel. „Schalom, Josef – hier steckst du also! Wir haben gehört, du hast was zu feiern! Massel tov! Trinken wir einen Becher Wein zusammen?“

 

*“Massel tov“ bedeutet im Hebräischen: Viel Glück! Oder: Herzlichen Glückwunsch!

 

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