23. DEZEMBER 2020 • BETHLEHEM

Ein kurzes Stück zu Fuß, ein kurzes Stück auf Henochs Rücken, eine Pause, dann wieder ein kurzes Stück zu Fuß, noch ein kurzes Stück auf Henochs Rücken, noch eine Pause …

So war Marias Weg nach Bethlehem.

Sie ächzte und stöhnte, dass es auch für mich schwer zu ertragen war.

„Gott, wenn du willst, dass ich dieses Kind bekomme – dann hilf mir bitte auch jetzt!!!!!“ flüsterte sie.

„Geht es jetzt etwa los?“, fragte ich entsetzt. 

Hier, irgendwo am Weg – das passte ja nun gar nicht!!!

„Wohl noch nicht sofort“, japste sie. „Es zieht und spannt überall, und mein Rücken tut weh – aber so wie mir Mama und Deborah und Esther und Eva das beschrieben haben, ist es noch nicht ganz so weit. Heute Nacht vielleicht oder morgen …“

Sie stützte die Hände ins Kreuz, verzog das Gesicht, dann atmete sie tief durch. „Geht schon wieder …“

„Wenn wir da sind, sollten wir wohl besser schleunigst eine Herberge finden!“

„Deine Brüder können uns doch sicher helfen, oder? Ist das da drüben Bethlehem?“

Stimmt: in der Ferne waren am Hang die Häuser zu sehen. Vertraut sahen sie aus, aber es war ein merkwürdiges Gefühl, nach all den Jahren wieder hierher zu kommen … 

 

Die Straßen und der Markt von Bethlehem waren ähnlich voll wie Jerusalem.

Von meinen Brüdern hatte ich lange nichts gehört – und sie nicht von mir. Aber natürlich: als erstes gingen wir zum Haus von Simon, dem Ältesten. Das war mein Elternhaus gewesen.

Zwei Esel waren vor dem Haus angebunden. Ich klopfte an.

Die Jahre hatten Spuren in Simons Gesicht hinterlassen; Bart und Haare waren von grauen Strähnen durchzogen.

„Josef! Lange nicht gesehen …!“ Er zögerte einen Moment, bevor er mich umarmte. „Da hat dich die Schätzung also endlich mal wieder in die alte Heimat gebracht, wie?“

Hinter ihm sah ich, dass das Haus voller Menschen war.

„Genau, lieber Bruder – gerade noch rechtzeitig! Das ist Maria, meine Frau. Und du siehst ja: bald werden wir eine Familie! Können wir bei dir bleiben, bitte?“

„Das wird nicht gehen …“ Er schüttelte etwas verlegen den Kopf. „Wir haben fünf Kinder bekommen, von denen vier noch leben. Normalerweise reicht der Platz gerade für uns, aber jetzt ist noch Vetter Ebenezer aus Joppe mit Frau und drei Kindern zur Zählung gekommen – also: Hier ist kein Fußbreit Platz mehr – schon gar nicht, um mittendrin ein Kind zur Welt zu bringen! Hättest du deine Frau nicht zuhause lassen können? Das muss doch eine Zumutung für sie gewesen sein – wo lebst du jetzt? Irgendwo in Galiläa, oder?“

„Wir sind aus Nazareth gekommen. Und es war Marias Entscheidung, mitzukommen!“

„Und dass ich mir damit eine Menge zumute, wusste ich vorher!“, bestätigte sie. „Aber jetzt wäre ich froh, wenn die Zumutung mal ein Ende hätte!“

Simon runzelte die Stirn. „Du hast dir ja nicht gerade eine demütige Frau ausgesucht!“

„Genau die Richtige!“, erklärte ich. 

Dass Maria Simons Geschmack traf, hatte ich auch nicht erwartet. Dass er uns derart abwies, hätte ich dennoch nicht gedacht. 

„Dann fragen wir wohl besser Micha. Er hat auch Kinder inzwischen, oder? Kannst du uns sagen, wo wir ihn finden?“

„Drüben am Brunnen rechts rein, und dann das zweite Haus links! Er hat drei Töchter und einen Sohn. Kannst dein Glück versuchen – allerdings wollte auch Onkel Jona bei ihm anfragen. Er ist vor ein paar Jahren in ein Dorf am Jordan gezogen und auch gerade zur Schätzung gekommen – du siehst ja: es sind furchtbar viele Menschen in der Stadt!“

 

„Ihr mögt euch wohl nicht besonders, dein Bruder und du?“, fragte Maria.

„Richtig gut verstanden haben wir uns nie – wir sind halt irgendwie miteinander ausgekommen. Aber ich dachte, er hätte zumindest Platz für uns!“

„Und der andere? Der Micha?“

„Bei ihm geht es oft etwas durcheinander – aber lass es uns versuchen!“

„Ja sieh mal einer an – Schalom Jooosef!!!“, begrüßte uns Micha und klopfte mir kräftig auf die Schulter – „und das auch noch in hübscher Begleitung! Oha, das sieht nach baldigem Nachwuchs aus! Ihr müsst wohl auch nach Kaiser Augustus’ Pfeife tanzen, ja?“

„Zehn Tage lang waren wir von Nazareth unterwegs – und jetzt brauchen wir dringend eine Herberge! Du hast ja schon gesehen: unser Kind kommt bald!“

„Na, dann haben wir ja bald was zu feiern! Wird lustig: Onkel Jona und seine Sippe sind ja auch gerade hier …“

„Micha!!!!“, unterbrach ich ihn. „Feiern können wir später – aber erst mal brauchen wir eine Unterkunft! Können wir bei euch bleiben – bitte???“

„Dann müsste ich schnell noch mein Haus anbauen! Oder du – du kannst sowas ja am besten, haha! Nein, mein Lieber, so Leid es mir tut: alles belegt – soweit ich weiß, in ganz Bethlehem!“

„Hast du nicht vielleicht irgendeine Idee …“, versuchte ich weiter – und merkte, wie mich Maria am Ärmel zupfte. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Das bringt doch nichts!

 

Wir fragten drauflos in in paar Häusern: sie hatten nichts frei, verlangten unbezahlbare Preise – oder rümpften die Nase, weil eine Geburt viel zu viel Trubel und Unruhe und Dreck und Lärm bedeuten würde. 

Und jetzt?

Maria weinte, und ich nahm sie in die Arme. So mutlos hatte ich sie selten gesehen – und auch ich wusste nicht mehr weiter.

 

Ein ganz leises kurzes Schnauben von Henoch weckte meine Aufmerksamkeit. Er wandte den Kopf nach rechts. Dort leuchtete zwischen den Menschenmassen etwas Weißes.

„Hast du gesehen, Maria? Schau mal, wer da hinten winkt!“

Sie schniefte und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Wo? Du meinst da hinten bei dem Feigenbaum? Kann das sein: ist das – Gabriel?“

Die Gestalt verschwand in der Menge – Nein, Moment: da sahen wir ihn wieder winken – als wollte er uns einen Weg zeigen! 

So gut es in der Menge und mit Marias Rückenschmerzen ging, folgten wir ihm. Er war schon zwei Straßenecken voraus. 

 

Bis an den Rand der Stadt führte er uns, wo die Felder begannen. Aber hier war doch nichts!

Doch, eine Erinnerung: „Hier ist eine Höhle, da haben wir manchmal als Kinder gespielt. Später hat ein Nachbar sie zum Stall gemacht …“

„Eine Höhle? Josef, ist das dein Ernst???“

„Zumindest hätten wir ein Dach überm Kopf, keiner wird uns dort vertreiben, und wenn wir Feuer machen, wird es schnell warm …“

Ich hörte, wie Maria Luft zwischen den Zähnen einzog – das klang jetzt nach heftigen Schmerzen!

„Scheint, als hätten wir keine andere Wahl! Moment: ist da schon jemand?“

„MUUUUUUUH!!!!!!“

„Schalom, lieber Ochs! Kein Mensch will uns eine Herberge bieten – würdest du es wenigstens tun?“

 

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