4. DEZEMBER 2020 • IM LAMPENSCHEIN

Maria und ich gaben Deborah und ihrer Tochter so viel Holz von Aarons Ölbaum mit, wie sie tragen konnten. Ein paar Tage würden sie nicht frieren müssen.

„Gott segne Euch, ihr Lieben!“, bedankte sich Deborah, „möge er euch auf eurem gemeinsamen Weg beschützen und euch viele Kinder schenken!“

 

„Hoffentlich hat sie auch irgendwas zuhause, was sie über dem Feuer kochen kann“, überlegte Maria, als die beiden um die Ecke gebogen waren. „Das Feld, das ihrem verstorbenen Mann gehörte, hat sein Bruder einfach so verkauft. Ohne sich drum zu kümmern, was aus ihr wird! Und nun muss sie zusehen, wie sie sich mit Lea durchschlägt. Also, dass sowas überhaupt sein darf!!!“

Im Dämmerlicht sah es aus, als blitzte es in ihren Augen – aber nicht vor Freude.

Ich füllte Henochs Futterkrippe mit Heu. „Aber du wolltest doch wohl nicht über Gerechtigkeit mit mir reden, oder?“

„Na ja, irgendwie auch das …“ Sie strich die Locke aus der Stirn. „Kann ich rein kommen?“

 

„Also Josef, es ist so …“ begann Maria, während ich im Haus die beiden Öllämpchen anzündete: „Wenn wir auf irgendjemanden hoffen können, der Schluss mit solcher Ungerechtigkeit machen wird, dann ist es doch Gottes Sohn, der Messias, von dem die Propheten reden, richtig?“

Schon wieder die Propheten! Erst Aaron – und jetzt auch noch Maria???

„Maria, meine Liebste, wir wissen doch gar nicht, wann der jemals kommen wird!“

„Doch. Das weiß ich.“ 

Sie sagte es, als wäre es die allergrößte Selbstverständlichkeit der Welt.

Wie wollte dieses Mädchen etwas wissen, was für alle Schriftgelehrten ein Rätsel war? Über so was machte man doch keine Witze! Aber ihr Gesicht sah im Licht der Öllampen völlig ernst aus. 

„Er wird bald geboren, Josef! Und zwar von mir!“

 

Ich war sprachlos. Ja klar: wir hofften auf Kinder – auf Kinder, die Gottes Willen befolgten – aber mit solcher Gewissheit konnten wir das doch jetzt noch nicht sagen!

Sie nahm meine Hände. „Klingt verrückt für dich, oder? Für mich auch, ehrlich gesagt. Aber glaub mir: ich weiß, dass es so ist!“

Wie konnte sie nur so ruhig bleiben? Ich wurde immer verwirrter – nein, eigentlich wurde ich ärgerlich: „Woher weißt du das? Von diesem Kerl im weißen Gewand etwa, der heute Nachmittag am Brunnen rumlungerte??? Ich habe gehört, er war bei euch zu Besuch!“

„Gabriel heißt er. Und er war bei mir – bei mir allein! Papa war auf dem Feld und Mama bei Nachbarin Rahel, weil die krank ist. – Ganz plötzlich war er da! Zuerst bin ich furchtbar erschrocken; aber er sagte, ich sollte mich nicht fürchten – ja, und dann eben, dass ich einen Sohn bekommen werde. Der soll Jesus heißen. Und er soll Gottes Sohn sein!“

Glaubte Maria wohl selbst, was sie da erzählte? Sie war doch sonst ganz vernünftig!

„Moment mal, Maria“, ich löste meine Hände aus ihren: „Sohn Gottes hin oder her – das kann doch nicht einfach so passieren, dass du jetzt plötzlich ein Kind kriegst, noch vor unserer Hochzeit! Ich meine, wir haben doch noch niemals …“ 

In dem Moment durchzuckte mich ein Schreck: „Maria – WAS HAT DIESER GABRIEL MIT DIR ANGESTELLT???“

„Keine Sorge, lieber Josef! Er hat mich nicht angerührt!“ 

„Wie bitte? Ich soll mich nicht sorgen??? Nachdem du mir so eine Geschichte auftischst?????“

„Ich weiß“, seufzte sie: „wie gesagt: Ich begreife es selbst kaum. Natürlich habe ich Gabriel auch gefragt, wie das zugehen soll. Da meinte er nur, bei Gott wäre nichts unmöglich. Durch Gottes Geist würde es passieren … Und tatsächlich -“, sie suchte nach Worten, „tatsächlich macht mich jetzt irgendwas absolut sicher: Es ist so. Und Gott will es so!“

 

Bei aller Liebe – wie sollte ich das bloß glauben? 

 

„Und irgendwer meinte heute noch, das mit Gottes Sohn wäre meine Sache“, brummte ich: „als Nachkomme Davids!“

„Aber ja – das ist es doch auch, lieber Josef! Ich brauche dich! Und unser Sohn auch!“

„JA, WENN ER MAL UNSER SOHN WÄRE!!!“

Ich erschrak über mich selbst. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich Maria mal anbrüllen würde!

„Josef – glaubst du etwa, ich lüge dich an?“, fragte sie leise. „Und vor allem: Glaubst du, ich lüge dich an, wenn es um Gott geht?“

„Na hör mal: Würdest Du mir vielleicht glauben, wenn ich mit so einer Geschichte ankäme?“

Sie schaute mich an, dass der Lampenschein ihr Gesicht erhellte.

„Ich kann dir nur sagen: Ich vertraue auf Gott – du etwa nicht?“

„Ach – und dieser komische Gabriel soll dann wohl ein Engel gewesen sein, oder was?“ 

Zu meiner Begegnung am Brunnen passte das nicht so richtig – oder vielleicht doch?

„Fürchte dich nicht“, hatte er gesagt. Als wäre das so einfach!

„Also, Maria: Selbst mal angenommen, ich glaube dir: wird dir irgendwer sonst in Nazareth glauben, was du gerade erzählt hast???“

„Du meinst, die würden mir vorwerfen, ich hätte -“ ihre Stimme zitterte, „na ja: ich hätte irgendwelche Unzucht getrieben?“

„Fändest du das so abwegig? Oder genau so schlimm: diese Sohn-Gottes-Geschichte könnten manche für handfeste Gotteslästerung halten! Und du weißt: beides wird schwer bestraft. Also: sei bloß vorsichtig mit dem, was du sagst!“

Sie antwortete nicht. Daran hatte sie anscheinend noch nicht gedacht.

„Wissen deine Eltern eigentlich, wo du steckst? Es ist längst dunkel – es wird wohl Zeit, dass du nach Hause gehst!“

„Bald ist mein Zuhause hier!“ Jetzt hörte ich ihr fröhliches Lachen!

 

In der Tür drehte sie sich noch einmal um: „Josef, so unglaublich das auch alles ist: ich liebe dich. Und ich will deine Frau werden – mehr als je zuvor!“

Und dann hauchte sie mir doch tatsächlich einen Kuss auf den Mund!

 

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