6. DEZEMBER 2020 • WO IST MARIA?

Ich teilte Deborahs Brot mit Simeon – es war saftig und schmeckte würzig – köstlich!

„Und das zweite kriegt also Maria?“, fragte er kauend. „Wo steckt sie überhaupt?“

Ich zuckte die Achseln. „Zuhause, nehme ich an …“

„Zuhause? Und das, wo heute die ganze Stadt auf den Beinen ist? Und wo ihr bald heiraten wollt? Merkwürdig …“

„Simeon, ich weiß es doch auch nicht!!!“

„Alles klar bei dir, mein Freund?“ Er schaute mich besorgt an. „Du siehst müde aus!“

„Schon gut“, gähnte ich. „Ich habe einfach schlecht geschlafen.“

Wie sollte ich Simeon erklären, was ich selbst nicht verstand?

„Na, dann bring Maria das Brot und lass dich von ihr aufmuntern!“

Er klopfte mir auf die Schulter. „Ich muss auch los – eine von meinen Ziegen bekommt Nachwuchs! Bis bald!“

 

Zögernd machte ich mich auf den Weg zu Marias Haus. 

„Schalom Josef!“, rief jemand hinter mir.

„Ich bin Dan. Mein Nachbar Nathanael hat mir gezeigt, wie gut du seine Feuerstelle repariert hast. Das wäre bei mir uns auch mal nötig. Könntest Du …“

Ich drehte mich auf der Stelle um. „Natürlich, gerne – soll ich mir das gleich mal anschauen?“

Dan schien etwas verdutzt. Hatte meine Antwort zu hastig geklungen? Auf jeden Fall lud er mich ein, mitzukommen zu dem kleinen Haus, in dem er mit seiner Frau und sechs Kindern wohnte. Rund um die Feuerstelle bröckelten die Steine – ich versprach, mich in den nächsten Tagen darum zu kümmern und beruhigte ihn, es würde ihn nicht viel kosten.

 

Nun aber zu Maria – oder war sie vielleicht am Brunnen? Nein: da steckten nur Judith, Susanna, Dina und Sarah ihre Köpfe zusammen! Die Händler waren nicht mehr da; sie zogen wohl weiter Richtung Süden – bis nach Jerusalem vielleicht?

 

An ihrem Haus klopfte ich an die Tür – und mein Herz schien mindestens genau so laut zu pochen.

„Schalom, lieber Josef“, sagte Joachim, als er die Tür öffnete – und irgendwas in seinem Gesicht sorgte bei mir für ein mulmiges Gefühl. Anna stand hinter ihm.

„Ist Maria da? Ich habe was für sie abzugeben …“

„Es ist so, also … Maria ist … für einige Zeit verreist …“ 

„WIE BITTE??? VERREIST???“

„Sie wird zu Pessach Tante Elisabeth besuchen …“

Also, Anna hatte schon mal überzeugter geklungen!

„Moment mal: Ohne mir einen Ton zu sagen? Und wer ist überhaupt Tante Elisabeth???“

„Gaaanz ruhig, lieber Josef!“ Joachim legte mir beschwichtigend die Hand auf die Schulter. „Komm erst mal rein. Hast du schon was gegessen?“

 

Ich holte das Brot aus meinem Beutel. „Das sollte ich eigentlich Maria bringen, Deborah hat es gebacken und wollte es ihr schenken. Ehe es verdirbt, nehmt ihr es wohl besser …“

„Danke schön – aber eine Ziegenmilch trinkst du doch sicher?“ 

Anna stellte einen dritten Becher auf den Tisch, ein Schälchen mit Oliven und eine Schüssel, aus der es würzig duftete. „Den Linseneintopf hat Maria heute mittag gekocht.“

„Und dann ist sie einfach abgehauen? Ohne mir einen Ton zu sagen?“

Joachim räusperte sich. „Wir fanden, es wäre – na ja, eine gute Gelegenheit, wenn sie mit der Handelskarawane mitzieht. Weißt du, ich meine – also, das ist ja sicherer für so einen weiten Weg, gerade als Mädchen, und bestimmt kann sie ihnen auch irgendwie behilflich sein …“

„Ein weiter Weg, sagst du – wohin denn? Und noch mal: WER IST TANTE ELISABETH?“

Eigentlich hatte es mir den Appetit verschlagen, aber die Linsen dufteten so köstlich – mitten in allem Wirrwarr heute tat ihr Geschmack mir so gut wie Marias Lachen.

„Elisabeth ist eine alte Verwandte von mir“, erzählte Anna, „sie lebt in Judäa. Ihr Mann Zacharias ist Priester. Leider haben die beiden niemals Kinder bekommen, und nun sind sie auch zu alt dafür. Aber gestern hörten wir plötzlich, dass Gott ihre Gebete erhört hat und sie nun doch noch schwanger geworden ist: sie erwartet einen Sohn!“

„Moment mal – wie habt ihr denn so einfach eine Nachricht aus Judäa gekriegt?“

Irgendwie ahnte ich die Antwort.

Joachim holte tief Luft und strich seinen Bart: „Also – wenn ich Maria richtig verstanden habe, dann, ääähm, hatte sie ja gestern Besuch …“

Dachte ich es mir doch! 

„Was hat sie euch denn davon erzählt? Kam euch das auch so … na ja, so seltsam vor?“

Anna sah besorgt aus. Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. 

„Sie ist doch unser Mädchen – und dann passiert so was …“

„Wir vertrauen unserer Tochter“, nun klang Joachims Stimme entschlossen. „Und Gott vertrauen wir erst recht. Also: wenn Gott mit Maria was Besonderes vorhat, dann soll das eben so sein. Amen!“

 

Vertrauen – das würde ich auch gerne! Und müde war ich nach der letzten Nacht!!

„Irgendwie finde ich das schwer zu glauben: dass sich Gott für so eine Aufgabe ausgerechnet Maria aussuchen sollte!“

„Ist das so schwer zu verstehen?“ Hinter Joachims weißem Bart ahnte ich ein Lächeln. „Du hast sie doch auch ausgewählt!“

„Aber was wird jetzt aus unserer Verlobung?“

„Was soll daraus schon werden? Wenn sie wieder da ist, heiratet ihr!“

Als ob das so einfach wäre!

„Wie kann sie einfach so verschwinden, für Wochen oder sogar Monate – und sich nicht mal von mir verabschieden?“

„Das tut uns wirklich furchtbar Leid, lieber Josef, und ihr auch; sie war selbst ganz traurig – aber es musste schnell gehen, die Händler wollten weiter. Lass uns hoffen und beten, dass Gott sie unterwegs behütet!“ 

 

Plötzlich lächelte Anna – und ich konnte die Ähnlichkeit zwischen ihr und Maria erkennen. „Aber gut, dass du die Linsen probieren konntest – beim Kochen hat sie immer von dir gesprochen. Haben sie geschmeckt?“

„Ja, ganz wunderbar …“ Das musste ich zugeben, auch wenn ich noch so durcheinander war!

„Dann hast du Marias Liebe geschmeckt. Und ich habe noch was für dich!“ 

Sie holte etwas aus einem Kasten neben der Feuerstelle. „Das soll ich dir geben, damit etwas von Maria immer bei dir ist!“

Von Annas Hand baumelte an einem Lederband die blaue Glasperle, die Maria immer um den Hals trug.

 

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