8. DEZEMBER 2020 • FEST DER BEFREIUNG

Nazareth, Pessachfest

 

Nun ist unser höchstes Fest gekommen – und ich bin so ganz und gar nicht in Feierlaune! 

 

Normalerweise freue ich mich auf Pessach. Als Junge bin ich ein paarmal mit meinen Eltern und Brüdern zum Fest nach Jerusalem gepilgert. Das war besonders bewegend und großartig. Und überhaupt: Was für ein wunderbarer Anlass zum Feiern! Gott hat unser Volk vor langer Zeit aus der Sklaverei in Ägypten befreit und es in sein eigenes Land geführt – hierher, wo wir heute noch leben, allen Kriegen seither und aller Bedrohung zum Trotz! Wenn ich so an all diese Geschichten denke, dann gab es bestimmt schon oft Zeiten, wo den Leuten nicht so nach Feiern zumute war. Vielleicht waren sie genau so müde wie ich, weil sie nächtelang nicht schlafen konnten. 

 

Ich weiß nicht, was schlimmer war: Ich vermisste Maria ganz furchtbar; und gleichzeitig wurden meine bohrenden Fragen nicht weniger. Zum Beispiel, ob ich Grund hatte, auf Gabriel eifersüchtig zu sein – und was meinte er, als er zu mir sagte: “Wir sprechen uns noch“?

 

Aber Gott will ja, dass wir uns mit diesem Fest an seine Hilfe erinnern. Und auch Simeon und Joel und seiner Familie konnte ich doch nicht einfach sagen: danke für die Einladung, aber ich bin halt nicht in Stimmung! Außerdem hatte ich versprochen, das Lamm zu besorgen – also ging ich morgens zu Jonathan wie vereinbart.

 

Und was ich unterwegs wieder so zu hören bekam – von allen möglichen Leuten, die es doch überhaupt nichts anging!

„Also, die gute Anna sieht ja ganz schön mitgenommen aus …“ – „Würdest du doch auch, wenn deine Tochter auf solche Ideen käme!“  

„Mal unter uns: Marias Eltern hätten sie viiiiel strenger erziehen müssen – hab ich schon immer gesagt!“

„Bei der spiele ich doch nicht die Brautjungfer!“

„Hast du neulich den mit dem weißen Gewand gesehen? Wie so’n Römer sah der aus!“

„Also wirklich, von der Maria hätte ich so was ja niiiiemals gedacht!!!“

„Na – ich wüsste ja, was ich mit so einem Flittchen machen würde …!!!“ Richtig böse klang das! 

Allmählich verstand ich, warum Maria und ihre Eltern meinten, dass sie anderswo gerade besser aufgehoben war als in Nazareth … 

War sie wohl rechtzeitig zum Fest bei der Tante angekommen?

 

„Schalom Josef, und gesegnetes Pessach! Hier, bitte sehr: das bestellte Lamm, fertig zum Braten – macht dann bitte fünf Silbergroschen. Das mit Maria tut mir ja wahnsinnig Leid für dich! Aber ich sag dir: sei bloß froh, dass du es noch vor der Hochzeit gemerkt hast!“

Dieses übertriebene Mitgefühl ärgerte mich vielleicht am meisten!

 

Bald lag das Lamm bei Joel und Esther über dem Feuer, eingerieben mit Kräutern und Gewürzen, die Esther neulich von den Händlern gekauft hatte. Auch alle anderen Speisen, die nach uraltem Brauch zum Pessach-Festmahl gehören, waren schon vorbereitet.

Mein eigenes Haus nebenan wirkte dagegen klein und leer und trist, fand ich, als ich mich wusch und frische, festliche Kleider anzog. Was müsste ich hier wohl umbauen, dass es ein schönes Zuhause für eine Familie werden konnte? Wenn es überhaupt dazu kam …

 

Am Nachmittag wehte der Duft von gebratenem Lammfleisch und Kräutern zu mir herüber. Feststimmung oder nicht – ich versuchte, freundlich auszusehen.

Mehrere Lampen erleuchteten Joels Haus, der Tisch war festlich gedeckt für ihn und Esther, ihre Kinder Juda, Salome und Samuel, und Simeon und mich als Gäste. Ein Becher Wein stand für Elia bereit, wie es sich gehörte.

 

Das Festessen verlief genau so, wie es sein muss: Wir beteten und sangen, tranken zu den festgelegten Momenten Wein; und Joels Jüngster, der siebenjährige Samuel, stellte die Fragen, die auch meine Brüder und ich schon als Kinder gestellt haben, genau so wie Joel, Esther, Simeon und unzählige Kinder vor uns: 

Warum feiern wir heute? Was bedeutet dieses Essen? Und dieses? Die bitteren Kräuter? Die süßen Brocken, die an Lehmziegel erinnern? Und so weiter, und so weiter …

Als Antworten erzählten wir ihnen vom schrecklichen Leiden in Ägypten, von Mose und dem Pharao und ihrem erbitterten Streit darum, ob die Sklaven endlich wegziehen dürften, dann von den zehn Plagen, die Gott über Ägypten schickte – schließlich von der Nacht, als in den ägyptischen Familien jedes erste Kind starb (hier schauderte Juda, Joels ältester Sohn) und als unsere hebräischen Vorfahren endlich aufbrechen durften in die Freiheit: in aller Eile, mit ungesäuertem Brot als Proviant. 

Es war ein Aufbruch, um ganz neu anzufangen – voller Ungewissheit, aber auch voller Hoffnung und Gottvertrauen.

‚Wir erzählten‘ – nein, das stimmt nicht ganz: Joel und Esther erzählten, Simeon schmückte alles noch in spannenden Einzelheiten aus. 

Und ich fragte mich, wie jetzt wohl Maria mit ihrer Tante feierte.

 

Zum Schluss öffneten wir wie immer die Tür und luden den Propheten Elia ein, wieder zu uns Menschen zu kommen.

Würde Gott eines Tages wirklich wieder den feurigen Propheten von damals schicken? Oder ein kleines Kind? Marias Kind???

 

Im Schlussgebet priesen wir Gott, die Kinder gingen schlafen – und dann redeten sich Joel und Simeon die Köpfe heiß, ob die Römer heute genau so schlimm wären wie damals die Ägypter, und ob Gott uns nicht jemanden schicken könnte, der uns auch von ihnen befreite. 

„Hier in Nazareth geht’s doch eigentlich, da lassen sie uns ja meistens in Ruhe …“

„Vergiss nicht die Steuern, die wir zu zahlen haben!“

„Aber Sklavenarbeit müssen wir nicht für sie leisten!“

„Na, als ob es bei denen keine Sklaven gäbe! Und hast du nicht gesehen? Am Weg nach Kana haben sie neulich wieder Kreuze aufgestellt!“

 

Nach den vier Bechern Wein, die zum Festmahl gehörten, verschwammen ihre Worte in meinem Kopf. Auch ich wünschte ich mir einen, der mich befreite – von meinen ganzen Zweifeln und Sorgen!

„So schweigsam, Josef?“, fragte Simeon.

„Frei sein, losziehen, neu anfangen“, überlegte ich, „allmählich glaube ich, das wäre auch für mich eine gute Idee!“

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.