9. DEZEMBER 2020 • NEUE WEGE 

Drei Tage später

 

„Das hast du also wirklich ernst gemeint neulich?“ Simeon sah aus, als könnte er es nicht fassen. „Du gehst tatsächlich weg von hier???“

„Ich habe das Gefühl, es geht nicht anders“, erklärte ich. „Ständig dieser Tratsch, die schrägen Blicke – und überhaupt: An jeder Ecke irgendwas, was mich an Maria erinnert! Ich will sie aus dem Kopf kriegen, verstehst du?“

 

Ich stand an Simeons Stalltür – er fütterte gerade seine Ziegen. Neben mir schnaubte Henoch. Auf seinem Rücken trug er schon die schwere Tasche mit Werkzeug, ein Bündel Kleidung, eine zusammengerollte Schlafmatte, einen Ziegenlederschlauch voll Wasser, einen Sack Heu und einen Beutel mit Wegzehrung: getrocknete Früchte und ungesäuertes Brot – immerhin war ja noch Pessach.

Simeon stellte die Heugabel ab, wiegte den Kopf und strich seinen Bart. 

„Und du meinst, es hilft dir, wenn du wegläufst?“

„Was soll ich denn noch hier? Zu arbeiten gibt es im Moment auch nichts …“

„Vor dem Fest hast du doch reichlich zu tun gehabt – regelrecht verbissen rangeklotzt hast du da!“

„Da wollte ich auch ein paar Aufträge fertig kriegen. Aber seit einer Woche hat niemand mehr nach meinen Diensten gefragt! Und wenn ich die ganz schiefen Blicke in letzter Zeit sehe, dann glaube ich auch nicht, dass sich das so schnell ändern wird …“

 

Die Ziegen stupsten Simeon an – sie warteten auf ihr Futter. Henoch schaute neugierig dem jüngsten Zicklein zu, das bei seiner Mutter trank.

Simeon legte die Hand auf meine Schulter „Ich werde dich vermissen, mein Freund. Weißt du schon, wie lange du weg bleiben wirst?“

Ich schüttelte den Kopf. „Joel passt auf mein Haus auf – na ja, und ich schaue mal, was sich so ergibt: in Sephoris vielleicht oder weiter drüben am See Genezareth … Ist ja nicht das erste Mal, dass ich ganz neu anfange!“

„Eines Tages wirst du mir auch verraten, warum du damals Bethlehem verlassen hast“, grinste er und gabelte die Ladung Heu in die Krippe; die Ziegen fingen zufrieden an zu fressen.

„Warte noch einen Moment, bevor du losziehst!“ Er ging ins Haus und kam mit zwei Bechern Wein wieder.

„Wohl bekomm’s! Gott segne und behüte dich, mein Freund! Sehen wir uns wieder?“

Na toll – einen sentimentalen Abschied wollte ich mir eigentlich sparen!

„Gott findet einen Weg – das habe ich in letzter Zeit ständig gehört. Also sehen wir uns bestimmt irgendwann wieder!“

Ich trank aus, wir umarmten uns und sagten Lebewohl. 

„Komm Henoch – los geht’s, dann schaffen wir es bis zum Mittag bis nach Kana!“

 

Auf dem Weg durch Nazareth sah ich schon wieder, wie die Leute die Köpfe zusammensteckten und verstohlen zu mir hinüber schielten. Nur Deborah und die kleine Lea sahen freundlich aus, als ich sie mit der kleinen Lea vor der Synagoge traf. 

„Schalom Josef“, rief sie, „du willst verreisen? Komm heil und gesund wieder!“ 

Eilig ging ich am Haus von Marias Eltern vorbei. Ein paar Rosen waren dort aufgeblüht – wieso fiel mir das gerade jetzt auf?

 

Ich nahm den Weg nach Norden. Henoch hatte schon reichlich zu tragen, also ritt ich nicht, sondern ging nebenher. Nur wenige Menschen waren jetzt während des Festes unterwegs, vor allem Römer und Griechen – für sie war normaler Alltag. Die Frühlingssonne wärmte angenehm, Vögel sangen, auf den Wiesen und an den Sträuchern blühte es in allen Farben. An den Hängen weideten Schafherden mit vielen jungen Lämmern, und zarte grüne Hälmchen bedeckten die Felder.

Alles sah aus, als wäre es in bester Ordnung – bloß nicht in meinem Kopf und in meinem Herzen!

Und auch nicht auf dem nächsten Hügel, sah ich nach einer Wegbiegung: Dort standen die drei Kreuze, von denen Joel neulich gesprochen hatte. Schnell ging ich weiter.

 

Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich in Kana ankam. Ich fragte ein paar Leute und fand das Haus, in dem Tobias wohnte. Vor zwei Jahren hatten wir uns bei Bauarbeiten in Sephoris kennen gelernt und angefreundet.

Überrascht öffnete er mir die Tür: 

„Na so was: Josef – ist es denn zu fassen? Schalom! Wie geht’s dir? Und was führt dich hierher, mitten in der Pessach-Woche? Komm rein – kennst du schon Sulamith, meine Frau? Und das ist Ethan!“ Ein kleines Kind krabbelte um seine Beine herum. Und offenbar war ein Geschwisterchen unterwegs.

„Ich möchte mich in der Gegend nach Arbeit umsehen – in Nazareth ist gerade wenig los …“

„Na ja, hier auch nicht so richtig; ich bin froh, dass ich einen kleinen Weinberg geerbt habe, der mir noch was einbringt. Für Handwerker gibt es nur hier und da mal was zu reparieren, ein Pflug vielleicht, oder ein Ochsenjoch … Sephoris lohnt sich da mehr. Oder drüben am See, wenn du noch mal ein paar Tage wandern willst: nach Kapernaum vielleicht. Ich habe gehört, dort baut gerade ein römischer Kaufmann eine Villa. Aber für die restlichen Feiertage bleibst du erst mal bei uns, oder? Setz dich, bestimmt bist du durstig?“

Er goss mir einen Becher Wasser ein. Erfrischend war es, nach dem langen Weg. Ich packte mein mitgebrachtes Brot aus und stellte es auf den Tisch.

Sulamith setzte sich zu uns, den kleinen Ethan auf dem Schoß, und wollte wissen, was in Nazareth alles los war. Ich erzählte vom Besuch der Handelskarawane, vom Pessach-Essen mit den Freunden, von der Arbeit und haufenweise Olivenholz … 

„Und bei dir, alter Freund?“, fragte Tobias schließlich, „Willst du nicht bald mal eine Familie gründen?“

Ich antwortete nicht gleich und schaute verlegen in meinen leeren Becher.

„Na ja – mal sehen …“, murmelte ich.

„Oh, ich kann das Familienleben sehr empfehlen!“ Er nahm Frau und Kind in die Arme. „Und dir bekäme es bestimmt auch gut!“ 

Er stand auf und holte den Wasserkrug. „Noch was zu trinken? Ich habe auch noch einen guten Wein da, genau richtig zum Fest!“

 

Was für ein Tag! Morgens mit dem einen Freund Wein getrunken, nachmittags mit dem anderen …!

Tobias erhob seinen Becher: „Auf dein Wohl, Josef! Und wenn es irgendwann ein Hochzeitsfest gibt, dann lässt du es mich wissen, damit ich mitfeiern kann, ja?

 

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