22. DEZEMBER 2020 • DIE PROPHETEN UND WIR

Jerusalem

 

Zwei Tage später erreichten wir endlich Jerusalem. Die Straßen waren hier besser und breiter – und sie waren voll: mit Römern, vornehm gekleideten und ärmlichen Menschen. Manche erkannten wir an ihrer Kleidung als Priester oder Schriftgelehrte – oder als Reisende von weit her: Aus Ägypten oder noch weiter, oder aus dem Morgenland … Manche waren mit schwer beladenen Kamelen unterwegs.

Trubelig kannte ich die Stadt – aber so voll hatte ich sie noch nie erlebt. Lag es wohl an der Volkszählung?

 

Wie prächtig der Tempel über der Stadt thronte!! In all den Jahren in Nazareth hatte ich ihn nicht gesehen. Aus meiner Kindheit kannte ich ihn noch, bevor König Herodes anfing, ihn zu vergrößern und auszubauen, danach jahrelang als Baustelle. Wenn unser Sohn geboren war, würden wir zusammen hingehen und Gott danken – das gehörte sich schließlich so.

 

Hier mussten wir nicht lange nach einer Herberge suchen. So schwer Maria das Laufen fiel, so zielstrebig wirkte sie doch auf dem Weg zum Haus von Zacharias und Elisabeth. Drinnen hörten wir ein kleines Kind schreien.

 

„Ja, ist es denn zu fassen???“, rief der alte Priester, der uns die Tür öffnete. Das war wohl Zacharias. „Elisabeth! Schau, wer uns besuchen kommt!“

„MARIA!!!!!!!! Sei gegrüßt!“ 

Die weißhaarige Frau mit dem schreienden Kind auf dem Arm hätte ich wohl für die Großmutter gehalten – wenn ich nicht wüsste, dass sie gerade erst Mutter geworden war! Maria herzte die beiden und auch den kleinen Johannes – und der hörte auf zu schreien!

Aus blauen Kulleraugen schaute er uns an, krähte fröhlich und streckte die Hände nach Marias Kugelbauch aus.

„Und das ist wohl dein Mann? Sei uns willkommen! Und was für einen wunderhübschen blauen Umhang du anhast! Aber um Gottes Willen – was macht ihr denn hier??? Solltest du nicht besser zuhause sein? Sicher bekommst du doch bald dein Kind! Komm, setz dich erst mal!“

„Danach hat Kaiser Augustus leider nicht gefragt“, erklärte ich (immer noch ziemlich heiser), während ich erst Marias Sandalen aufschnürte, dann meine eigenen. „Wegen der Schätzung müssen wir nach Bethlehem; da stamme ich ja her!“

„Bethlehem, so so …“ Zacharias nickte bedächtig.

„Bethlehem? Die Stadt Davids?“, fragte Elisabeth mit großen Augen „Dann ist es also wahr, was du im Frühling über dein Kind geahnt hast?“

„Da-da-da-da-daaaaa!“, rief Johannes laut.

„Er ist manchmal so wild!“, stöhnte Elisabeth und setzte sich neben Maria. „Richtige Wutausbrüche kriegt er dann – da ist er kaum zu bändigen!“

Davon war im Moment nichts zu merken. Im Gegenteil: mit versonnenem Gesicht streichelte der Kleine auf Elisabeths Schoß Marias Bauch.

„Mein Kind spürt das, merkst du es?“, fragte Maria. „Es begrüßt dich! Aauuaaaa – das ist eine ziemlich stürmische Begrüßung!!! Ich bin gespannt, wann ihr zwei euch kennen lernt! Also, liebe Tante Elisabeth: Worüber wir beim letzten Besuch so oft gesprochen haben – ja, ich hoffe, dass es wahr ist, was mir Gabriel damals über unser Kind gesagt hat! Wobei ich mich manchmal doch frage, ob es wirklich nötig gewesen wäre, ausgerechnet jetzt diese lange Reise zu unternehmen …“

„Es passt zur Prophezeiung“, erklärte Zacharias.

„Schon merkwürdig, wie ausgerechnet die Römer dafür sorgen, dass sich eine unserer alten Prohezeiungen erfüllen kann!“, fand ich. 

„Nun, dass Gott manchmal wundersame Wege findet, das haben wir beide mit unserem Johannes ja gerade selbst erlebt. Und auch, dass seine Wege manchmal überhaupt nicht zu unseren Plänen passen!“

„Ja eben!“, stimmte Elisabeth ihm zu. „Also: gerade jetzt von Nazareth hierher zu reisen – das muss ja wirklich schrecklich anstrengend für euch gewesen sein! Wie lange seid ihr denn schon unterwegs?“

„Seit mehr als einer Woche!“

Wir erzählten von unterwegs, vom Regen, von den Hirten, von Eva. Und dann auch von unserem Hochzeitsfest – und von allen Hoffnungen, die wir mit unserem Kind verbanden. Elisabeth gab mir Johannes auf den Arm und kümmerte sich ums Abendessen.

 

„Als Maria und ich uns verlobt haben, da habe ich mir das ja auch alles anders vorgestellt“, erinnerte ich mich. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich es einfach so annehmen konnte, wie Gott es offenbar gewollt hat!“

Zacharias nickte. „Das ist wohl unseren Vorvätern schon oft schwer gefallen – Da kann Gott noch so klar etwas verheißen – oder von den Propheten verheißen lassen: Am Ende erfüllt es sich auf ganz überraschenden Wegen!“

„Aber auch wenn diese ganzen Prophezeiungen sich erfüllen“, überlegte ich: „was wird sich dann in ein paar Tagen tatsächlich ändern, wenn das Kind geboren ist? Das kann doch wohl erst ein winziger Anfang sein – ich meine: wie soll denn ein winziges neugeborenes Kind dieser Friedefürst und Gott-Held und Heiland und Erlöser und das alles sein?“

„Bwwwwrlllbrrrr-da-da-da!“, brabbelte Johannes auf meinem Schoß.

„Wie gesagt: ich glaube, wir müssen bereit sein, uns überraschen zu lassen!“

 

Wir blieben für die Nacht bei Zacharias und Elisabeth. Wir schliefen unruhig, besonders Maria, die kaum noch eine Möglichkeit fand, halbwegs bequem zu liegen.

 

„Geht es dir nicht gut, liebe Maria?“, fragte Elisabeth am nächsten Morgen. „So schwer wie du atmest, und wie du auf deinem Sitz herumrutschst, würde ich sagen: euer Kind lässt nicht mehr lang auf sich warten!“

„Das glaube ich auch“, ächzte Maria, „aber noch sind wir ja nicht in Bethlehem!“

Elisabeth legte den Arm um sie. „Weit ist es nicht mehr, aber ein paar Stunden habt ihr noch vor euch. Wollt ihr euch das wirklich antun? Soll ich nicht besser Hannah kommen lassen – du weißt schon: die mir auch bei der Geburt von Johannes geholfen hat?“

Maria überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf.

„Das schaffe ich noch!“ antwortete sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Wenn schon Prophezeiung, dann ziehen wir das auch durch!“

 

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