3. DEZEMBER 2020 • IRGENDWIE SELTSAM …

Ui-ui-uiiii – das ist spät geworden gestern mit Simeon und Joel!!! Vielleicht hätte ich den letzten Becher Wein besser weg gelassen … Heute fühlt sich alles irgendwie merkwürdig an.

 

Viel zu spät bin ich wach geworden, dann musste ich schnell mit Henoch zu Aarons Olivenhain. Den alten Baum zu fällen, war ziemlich mühsam – die Frühlingssonne ist schon ganz schön stark!

 

Seit Jahren trägt dieser Baum kaum noch Früchte, erklärte der alte Aaron. 

Während wir mit der Axt zuerst die ausladenden Äste abhackten und dann den dicken Stamm fällten, überlegten wir, was der Baum wohl alles erlebt hat in den Jahrhunderten, die er hier stand: Krieg und Frieden, Könige und Propheten, viele Menschenleben … 

„Ob aus dieser alten Wurzel wohl bald ein neuer Spross wächst?“ brummelte Aaron mit Blick auf den Baumstumpf. 

„Wäre ja schön, wenn er irgendwann wieder Früchte bringt!“ Ich versuchte, die Äste zusammenzubinden – da hätte Henoch nachher ganz schön was zu schleppen!

„Na, ob ich das noch erlebe!“ wandte Aaron ein. „Darauf kann ich vielleicht genauso lange warten wie auf diesen Spross aus Jesses Wurzel, von dem der Prophet Jesaja spricht: so einer wie König David, der für Gerechtigkeit sorgt! Ob der mal irgendwann kommt …!“

Also, besonders viel Vertrauen zu den Worten des Propheten hatte Aaron offenbar nicht!

Er grinste schief: „Wie ist das, Josef – man sagt, du stammst von König David ab, stimmt das?“

„Ja, also – irgendwie schon …“ 

Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Willst du nicht gerade eine Familie gründen? Dann sieh mal zu, dass da ein ordentlicher Spross aus der ollen Wurzel wächst, hehehe …!“

Irgendwie fand ich dieses Gespräch immer seltsamer. Wollte er mich veralbern? Oder meinte er wirklich, dass unter den vielen Nachkommen Davids ausgerechnet ich … 

Aber das war doch völlig unmöglich!

 

Mehrmals musste ich mit Henoch zwischen dem Olivenhain und Nazareth hin und her, bis endlich alles Holz bei meinem Haus lag. Da sank die Sonne schon. Höchste Zeit, dass Henoch am Brunnen seinen Durst stillen konnte! Auch mir brummte der Schädel nach dem Wein gestern abend und der Arbeit heute.

 

Heute war Maria nicht da. Auf dem Rand des Brunnens saß ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, in einem auffällig weiß leuchtenden Gewand.

„Schalom, Josef!“

Den Eimer hatte er schon gefüllt, und Henoch trank begierig. Mir reichte der Fremde einen Becher voll Wasser.

„Ääääähm – kennen wir uns irgendwoher???“

Sein Blick hatte etwas Durchdringendes. „Fürchte dich nicht, Sohn Davids!“ 

Also, wenn das Gespräch mit Aaron schon merkwürdig gewesen war, dann wurde es jetzt irgendwie komplett verrückt!

„Nein, wieso sollte ich mich denn fürchten? Mir geht es gerade richtig gut!“

Er nickte und stand auf.

„Wir sprechen uns noch!“

Und damit ging er.

 

Was sollte das denn jetzt bedeuten??? Ich starrte ratlos in den leeren Wasserbecher. 

 

„Merkwürdiger Kerl, oder?“, hörte ich hinter mir – und das meckernde Lachen von Dina.

„Kennst du ihn? Ich habe ihn noch nie gesehen. Aber er wusste meinen Namen …“

Dina zuckte die Achseln: „Nie gesehen, bis heute. Da tauchte er plötzlich hier auf! Und auf dem Markt haben sich alle gefragt, wer er wohl ist. Keiner in ganz Nazareth weiß es! Vielleicht ein Verwandter von Joachim und Anna …“

„Von Marias Familie? Wie kommst du denn darauf?“

Nun flüsterte Dina fast. „Na, weil er dort ins Haus gegangen ist! Eben kam er erst wieder heraus!“

„Also gut, dann weiß ich doch, wen ich fragen kann! Komm Henoch, wir gehen Maria besuchen!“

„Na, dann viel Spaß!“ lachte Dina – und ihr Lachen klang weder fröhlich noch schön.

 

Es ist ein hübsches Haus mit Blumen vor der Tür, in dem Marias Familie wohnt. 

Ich klopfte an.

Nichts.

Nicht beim ersten Mal, nicht beim zweiten, nicht beim dritten Mal. Weder Maria noch ihre Eltern öffneten die Tür. Nur die Ziegen meckerten im Stall.

 

Immer seltsamer kam mir das vor. Irgendwas stimmte hier nicht! Verwirrt ging ich nach Hause. Vor der Synagoge hockten Deborah und ihre kleine Lea. Ihre zerschlissenen, geflickten Umhänge hatten sie eng um sich gezogen – die Sonne war untergegangen, und es wurde ziemlich kühl.

„Schalom! Geld habe ich leider keins für Euch – aber braucht ihr vielleicht Brennholz für zuhause? Ich habe gerade reichlich da und könnte euch was schenken!“

Deborah sah erleichtert aus. „Das würde uns tatsächlich sehr helfen, danke!“

 

Sie folgten mir zu meinem Haus.

Als wir um die Ecke kamen, sah ich Maria vor der Tür sitzen.

„Ach hier bist du, meine Liebste! Ich fand dich weder am Brunnen noch bei dir zuhause!“

Ich hoffte auf ihr fröhliches Lachen – aber heute sah sie ganz ernst aus.

„Schalom Josef – gut, dass du kommst! Weißt du: Ich habe heute was ganz, ganz Merkwürdiges erlebt!“

 

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