17. DEZEMBER 2020 • SOLL ES SO BLEIBEN?

Spätsommer/Herbst

 

Endlich war Zeit, mal durchzuatmen!

 

Vor der Hochzeit hatte ich versucht, es zuhause ein bisschen wohnlicher zu machen – jetzt kümmerte sich Maria darum: Sie brachte ein paar Teppiche und Decken mit, und fast immer standen Blumen auf dem Tisch. Dank der Ziegen und Hühner hatten wir immer Eier und Milch zuhause. 

 

So sehr die Leute in Nazareth auch die Stirn runzelten – wenn es etwas zu bauen oder zu reparieren gab, dann fragten sie mich. So hatte ich in den nächsten Wochen genug zu tun: Dächer abdichten, einen Stall bauen, ein Haus vergrößern, eine neue Stützmauer am Weinberg bauen – solche Sachen eben. Der Olivenholzstapel neben dem Haus schrumpfte: Hocker wurden daraus, Wandborde, Schüsseln und Löffel – ach, und natürlich: eine Wiege für unser Kind! Immer runder wurde Marias Bauch. Und jeden Tag freute ich mich, wenn ich nach Hause kam, und sie war da und hatte Essen gemacht. 

 

Manchmal kamen Simeon und Deborah zu Besuch. Und durch das Hochzeitsfest hatten wir auch neue Freunde gewonnen: Ruth und Josua zum Beispiel mit ihrer blinden Tochter Miriam, die bei der Hochzeit so schön gesungen hatte. Oder Saul, der gelähmt war und oft neben der Synagoge bettelte. Manchmal brachte ich ihn huckepack irgendwohin oder nahm ihn mit zu uns, wo er mit uns aß. Vielleicht könnte ich ihm einen kleinen Karren bauen, in dem er sitzen und sich selbst bewegen konnte? Dann waren da die Brüder Amos und Matthias, die nördlich der Stadt die Schafherden eines reichen Kaufmanns aus Sephoris hüteten. Und Zippora, die vor ein paar Jahren aus Samarien nach Nazareth gezogen war …

 

„Wenn Gott diese Leute mit seinem Segen verlassen hat, wird das schon seine Gründe haben“, hörten wir manchmal: „Findet ihr es wirklich passend, euch mit denen abzugeben???“

„Ja, finden wir“, antwortete Maria ganz einfach.

„Irgendwie habt ihr ja Recht!“, überlegte Joel eines Tages: „Wir regen uns auf über die Römer, und manchmal auch über König Herodes, wie die mit uns umspringen – und gleichzeitig leben hier mitten unter uns Leute, die wir ungerecht behandeln, oft ohne darüber nachzudenken! Aber wenn ich an all die Geschichten von Mose und den Propheten denke, dann soll das ja so nicht sein!“

„Na siehst du!“, lachte Maria.

 

Als der Sommer zuende ging, wurde Maria sechzehn Jahre alt.* Wir hatten das Haus voller Freunde. Nach dem Essen stießen wir auf sie, unser Kind und unsere Zukunft an.

„So wie es jetzt ist, so könnte es eigentlich bleiben!“ Ich lernte mich zufrieden zurück.

Maria schüttelte lächelnd den Kopf. „So wird es nicht bleiben, lieber Josef. Ist auch besser so!“

„Na gut, dann eben: so wie jetzt, und noch mit unserem Kind dazu …!“

„Na klar – ich bin auch froh, dass es uns gerade so schön gemütlich gut geht! Aber dass die Welt so bleibt, wie sie jetzt im Moment ist – das will ich lieber nicht! Denk dran, dass Amos und Matthias neulich erzählt haben: wie jemand ihnen zehn Schafe gestohlen hat und der Besitzer sie fast verprügelt hat. Oder dass die Römer wieder zwei Leute auf dem Weg nach Kana gekreuzigt haben …“

„Wobei unser König Herodes ja auch nicht gerade zimperlich ist, wenn er meint, dass jemand seiner Macht im Weg steht!“, warf Josua ein.

„Genau – aber es sind ja nicht nur die Großen, die ihre Macht missbrauchen. Ihr wisst doch selbst, was es hier für Streit und Elend gibt. Und Rahel, der kranken Nachbarin meiner Eltern, geht es auch immer schlechter!“

„Jetzt mach doch nicht alles so mies!!!“, beschwichtigte Ruth.

„Will ich doch gar nicht!“, erwiderte Maria. „Aber ich will, dass sich was ändert. Und ich glaube auch, dass es geht! Wozu feiern wir schließlich in ein paar Wochen, wenn das neue Jahr anfängt, das Versöhnungsfest? Damit sich was ändert – damit wir uns ändern, so wie Gott es will!“

„Ja, das wäre schön“, sagte die blinde Miriam leise.

„Wenn Gott das alles will, dann kann er allmählich mal seinen Messias schicken!“, brummte Simeon.

(Was Gabriel uns über Marias Kind erzählt hatte, behielten wir besser erst mal für uns, hatten wir beschlossen.)

„Ich glaube, er kommt bald“, sagte Maria nur. „Aber bis dahin können wir ja schon mal anfangen, was zu verändern!“

 

„Wenn Gottes Sohn in die Welt kommt, hat er wohl einiges zu tun“, meinte ich später, als die Gäste weg waren und wir im Bett lagen. „Manchmal denke ich, das wird nicht leicht für ihn!“

„Ganz bestimmt nicht“, antwortete Maria, „und mal ehrlich: für uns wohl auch nicht!“

„Für mich war es schon alles andere als leicht, als du mir im Frühling erzählt hast, dass du plötzlich schwanger bist – ohne mich!“

„Ich weiß“, gähnte sie. „Ich habe mir das ja auch nicht ausgesucht! Mit Tante Elisabeth habe ich da ein paar Mal drüber gesprochen – und wir kamen drauf: Gerade das ist das Großartige: Wenn Gott ausgerechnet uns beiden dieses Kind anvertraut, dann will er wohl, dass es als ganz normales Kind aufwächst, unter ganz normalen Menschen in Nazareth!“

„Stimmt: ein Protz-König wie Herodes oder wie Kaiser Augustus wird das schon mal nicht, wenn er sich die Mühe macht, von Himmelsthron in diese Welt zu kommen! Und wir müssen ihm wohl so gut wie möglich alles beibringen, worauf es ankommt!“

„Genau. Wie alle Eltern. Und dass es oft schwierig wird, das kennen doch auch alle Eltern, oder? Aber seit Gabriel damals bei mir war, bin ich sicher: wir sind damit nicht allein!“

„Gabriel …“ überlegte ich und betrachtete blinzelnd einen hellen Stern vor dem Fenster, „hast du von dem noch mal was gehört?“

„Nein – aber ich glaube, wir werden noch von ihm hören!“

Wir gaben uns einen Gute-Nacht-Kuss und schliefen ein.

 

Die letzten Früchte waren geerntet, das neue Jahr kam. Anna, Deborah und Esther von nebenan begannen, sich mit Maria Gedanken über die Geburt zu machen: Sie versprechen, da zu sein und zu helfen, wenn es so weit war.

Wie gut, dass wir nicht allein waren!

 

*Tatsächlich steht Marias Geburtstag im Heiligenkalender: am 8. September!

**Im jüdischen Kalender beginnt ein neues Jahr immer im Herbst; am zehnten Tag folgt das Versöhnungsfest Jom Kippur. Damals war nach jüdischer Zählung ungefähr das Jahr 3756.

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