21. DEZEMBER 2020 • HEILE HEILE SEGEN

„Schalom – du musst wohl Eva sein!“, sagte Maria, als uns eine ältere Frau öffnete. „Schöne Grüße von Nahum und Baruch – sie meinten, du könntest uns helfen! Mein Mann hat sich gestern im Regen erkältet …“

„Na, ihr seht beide aus, als ob ihr schrecklich friert. Also, kommt rein – und gesegneten Sabbat!“

 

Sabbat? Waren wir wirklich schon eine Woche unterwegs?

 

„Gesegneten Sabbat auch dir – also es ist so: wir sind auf Reisen wegen der Schätzung …“

„Das könnt ihr alles später erzählen. Jetzt legt erst mal eure nassen Sachen ab!“ 

Sie legte einen neuen Holzscheit in die Glut – was am Sabbat ja eigentlich nicht geht! Aber die Wärme tat gut! 

An einem Balken hingen viele verschiedene Kräuterbüschel und verströmten wohltuenden Duft.

„Ehe ihr jetzt sagt, das wäre am Sabbat nicht erlaubt: Menschen frieren lassen ist ja wohl nicht das, was Gott im Sinn hatte!“ Ihre durchdringenden dunklen Augen blitzten im Widerschein der Flammen und der Öllampe. „Kommt lieber ein Stück hier rüber – über euch regnet es leider durchs Dach! Also, du brauchst was gegen Husten, ja?“ Sie streckte sich nach den Kräuterbüscheln. „Thymian … Salbei …“ Dann griff sie in einen Tiegel, „etwas Süßholzwurzel …“ 

Solchen Kräuterwein mit Honig hatte schon meine Mutter gemacht, als ich klein war. Der von Eva wärmte und tat gut. 

„Ach, und verletzt bist du auch?“ Sie holte noch einen Tiegel: darin war Salbe. 

„Und du, junge Frau? Lange kann es nicht mehr dauern bis das Kind kommt, wie?“

„Ich hoffe, wir schaffen es bis Bethlehem“, antwortete Maria. 

Auch sie bekam einen dampfenden, nach Kräutern duftenden Becher, der sie wärmen und beruhigen sollte. Und um Henochs Huf kümmerte sich Eva auch. 

„Ihr bleibt morgen hier, ja? Das wird euch gut tun, und Eurem Esel auch. Also, zum Ausruhen ist der Sabbat dann ja doch großartig!“

 

Nachts weckte mich der Husten immer wieder. Von der undichten Stelle im Dach hörte ich es auf den Boden tropfen. Aber Hauptsache, es war warm unter der Decke! 

 

Morgens ging es mir etwas besser. Ich bot Eva an, das Dach zu reparieren, wenn der Sabbat vorbei war. Das gefiel ihr. 

„Woher hast du das gelernt: mit Kräutern zu heilen?“, fragte Maria. „Kannst du es mir zeigen?“

„Meine Mutter hat mir beigebracht, welches Kraut wobei hilft. Das zeige ich dir gerne. Aber denk dran: Heilen besteht nicht nur darin, sich mit Kräutern auszukennen! Ich tue gerne, was ich kann – aber bei manchem, worunter Menschen leiden, bin ich machtlos; dagegen ist kein Kraut gewachsen! Weil das Übel tiefer sitzt als eine Schnupfennase oder eine aufgeschürfte Hand, verstehst du?“ 

Sie wandte sich an mich: „Oder auch tiefer als eine undichte Stelle im Dach, die du hoffentlich morgen gut flicken kannst!“

„Ich habe oft gehört, Krankheiten kämen von unseren Sünden“, sagte Maria. „Aber wir kennen ein blindes Mädchen und einen lahmen Mann – und ich kann nicht glauben, dass sie daran selbst schuld sein sollen!“

„Ich weiß es auch nicht“, nickte Eva, „ich glaube, bei manchen Leuten hält irgendetwas den Geist oder die Seele gefangen, und das macht sie krank. Ihre Sünden? Ja, kann sein. Oder ihre Sorgen … Und manchmal scheint es mir, als gäbe es sogar Menschen, die wissen gar nicht, dass ihnen was fehlt!“

„Aber wer kann denn denen helfen?“, hustete ich. 

Im Licht der tiefstehenden Sonne, die ins Haus fiel, tanzten viele Lachfältchen um Evas dunkle Augen: „Jeder Mensch, der sich ihnen zuwendet und darauf achtet, was ihnen fehlt! Ja, ich weiß: das macht Blinde nicht sehend – aber eine Hilfe ist es auf jeden Fall! Nur leider passiert es viel zu wenig. Dabei wissen wir doch seit Moses Zeiten, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst!“

„Haben die alten Propheten nicht auch manchmal schwere Krankheiten geheilt?“, fragte Maria.

„Natürlich! Oder besser gesagt, Gott hat es getan. Und manchmal haben die Propheten auch selbst Gottes Hilfe gebraucht. Sie sagen: Was krank und zerbrochen ist, will Gott heilen – auch wenn es durch die Schuld der Menschen zerbrochen ist! Gott will doch nicht, dass irgendwer auf Dauer krank und verloren ist.“

„Nur manchmal ist davon so wenig zu sehen – HAAAA-TSCHIIII!!!!“

Eva gab mir noch etwas von ihrem Kräutertrunk.

„Dann müsste der Messias, wenn er kommt, auch ein Heiler sein?“, überlegte Maria.

Eva zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Du stellst ja geistreiche Fragen! Es gibt so vieles, was er sein soll: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst wird er genannt, ein gerechter Helfer der Armen soll er sein, ein Retter – und manchmal heißt er auch ‚Heiland‘! Ja, ganz bestimmt ist er auch ein Heiler – vielleicht viel größer, als wir uns das denken können!“

 

Eva stand auf und zeigte auf ihre Kräutervorräte. „Du wollest mehr darüber wissen? Dann schau her: Deinem Mann habe ich Thymian, Salbei und Süßholzwurzel gegeben, die helfen gegen Husten …“

Und schläfrig machte Evas Mittel … Ich legte mich ein bisschen hin und ruhte mich aus. Das half bestimmt auch!

 

„… und hiervon nimmst du am besten auch ein Bündel mit, das hilft dir nach der Geburt“, hörte ich Evas Stimme beim Aufwachen: „Und da habe ich noch ein Beutelchen mit Anis-, Kümmel und Fenchelsamen – das tut gut, wenn du das Kind stillst …“

 

Am nächsten Morgen ging es mir gut genug, dass ich mich um das Dach kümmern konnte, während Maria packte. Unsere Sachen waren in der Wärme getrocknet, die Schlammflecken ausgebürstet. 

Nach einer Stunde war die undichte Stelle wieder in Ordnung, und ich packte das Werkzeug ein. „Ein Heiland bin ich nicht – aber heil ist das Dach!“

„Wenn was heil wird, ist es immer wunderbar!“, meinte Eva. „Gute Reise wünsche ich euch – Gott segne und behüte euch und euer Kind!“

Wir dankten, wünschten ihr ebenfalls Segen, und Henoch rief laut „Iiii-aaah“. Auch ihm ging es wieder gut.

 

„Ist es nicht wunderbar, dass uns unser Weg ausgerechnet zu dieser klugen, hilfsbereiten Frau geführt hat?“, fragte ich, als wir das Dorf verließen.

„Ja, Gott sei Dank!“ Maria strich sich nachdenklich die Locke aus der Stirn. „Sie ähnelt irgendjemandem … Ich überlege schon die ganze Zeit, wem – aber ich komme nicht drauf!“

„Ich hätte da eine Idee: Ich habe nämlich geträumt, dass sie ein weißes Gewand anhatte!“

 

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